Mediengeschichtsschreibung

- Franziska Kersting -


Einleitung

Mediengeschichte beschreibt im Allgemeinen die empirische Geschichte der Massenmedien und ihrer Programme, Inhalte, sozialen Implikationen. Die Geschichtsschreibung ist dabei, laut meiner genutzten Quellen selektiv, perspektivisch, subjektiv und sowohl synchron als auch diachron kontingent. Das Schreiben einer Mediengeschichte unterliegt diversen Abhängigkeiten. Einerseits wirken stets politische Interessen, andererseits gibt es Faktoren wie die Materiallage, die finanzielle und organisatorische Ausstattung, bestimmte Übereinkünfte innerhalb einer Wissenschaft und wissenschaftsinterne Rituale und Bedingungen.

Neben Einflussfaktoren und charakteristischen Merkmalen gibt es auch eine Reihe von Grundproblematiken, die das Schreiben einer Mediengeschichte erschweren. Medien sind vielfältig und in sich komplex. Zudem sind ihre Ausprägungen nationalspezifisch und die mediale Entwicklung ist hoch different.
Im folgenden sollen drei Theorien der Mediengeschichtsschreibung vorgestellt werden.

1. Medienkulturgeschichte nach Werner Faulstich

Neben zahlreichen Möglichkeiten der Einzelbetrachtung zur Mediengeschichte (Annalistik, Sozial-, System-, Technik-, Produkt-, Institutionen-, Personen-, Erfolgs-, Funktions-, Produktions-, Rezipienten- und Herrschaftsgeschichte) entwickelte Faulstich die vier Phasen der Medienkulturgeschichte.
Zwar gibt es viele Einzelmediengeschichten (Film, Fotographie,...), jedoch sollte der Versuch unternommen werden die Kommunikationsgeschichte als Teil der Gesellschaftsgeschichte zu schreiben. Aus dieser Grundidee entstand die Medienkulturgeschichte.

Die erste Phase dauerte etwa bis 1500. Sie umschreibt die Phase der Primär- oder auch Menschmedien. Menschmedien werden hier auch als Kleingruppenmedien bezeichnet. Ein Beispiel für den ersten Abschnitt der Medienkulturgeschichte ist der Tanz, aber auch Gestaltungsmedien, wie der Obelisk und die Skulptur sind dieser Phase zuzuordnen.
Die zweite Phase umfasst etwa den Zeitraum von 1500 bis 1900 und beschreibt die Phase der Sekundär- oder auch Druckmedien. Zunächst waren Printerzeugnisse Individualmedien, aber im Laufe der Zeit entwickelten sie sich zu Massenmedien. Neben Briefen, Flugblättern und Heften, gewann das Buch immer größere Bedeutung. In dieser Phase hatten Medien nicht mehr nur Informations-, sondern auch Speicherfunktion.
Die dritte Phase ist die der Tertiär- oder auch elektronischen Medien. Diese reichte bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Es lässt sich sagen, dass es sich hierbei um das Zeitalter der Unterhaltungsmedien handelt. Es ging weniger um Information oder Speicherung, sondern vielmehr darum die Rezipienten zu unterhalten. Nennenswerte Beispiele sind neben dem Telefon, Theateraufführungen über TV, Lieder auf Schallplatten, sowie Hörspiele im Radio. Die Zeit nach 2000 wird durch die Phase der Quartär- oder auch digitalen Medien beschrieben. Plakate weichen Videowänden und der Bildschirmtext übernimmt Aufgaben der Zeitung. Hauptaugenmerk liegt hier auf Multi- und Hypermedia. Diese Medien sind multifunktional und kombinieren viele Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung. Der Computer ist ein Beispiel für eine multimediale Entwicklung. Mit ihm ist es, in einem Gerät möglich zu arbeiten, zu spielen, im Internet zu surfen, Musik zu hören, Filme zu sehen und vieles mehr. Ein anderes Beispiel ist multimediales Fernsehen.
Der Rezipient ist nicht mehr nur bloßer Empfänger (wie im ursprünglichen "Sender-Empfänger"-Schema), sondern ist in der Lage mit dem Sender in Beziehung zu treten. Sender und Empfänger wirken wechselseitig aufeinander ein.
Innerhalb Faulstichs Theorie ist eine Phasenverkürzung erkennbar. Mediale Entwicklungen gehen immer schneller voran und sind unaufhörlich im Wandel. Zieht man hier Bezüge zum "Sterben" von Medien lässt sich die These aufstellen, das mit der Verkürzung der Lebenszeit von Medien, auch eine Verstärkung des medialen "Sterben" einhergeht. Meiner Meinung nach muss hier die Kategorisierung toter Medien in Betracht gezogen werden. Es gibt beispielsweise "ausgestorbene" Medien, überholte Standards und Oldtimer. Heutzutage geht der Trend immer mehr hin zu Kombinationen aus mehreren Medien. DVD-Player haben Festplatten, um Filme aufzunehmen, Sat-Receiver ermöglichen es über den Fernseher Radio zu hören und mp3-Player sind nicht nur Speicherstick sondern auch wiedergabefähig. Es entstehen also aus der technischen Weiterentwicklung immer mehr überholte Standards.

2. Mediengeschichtsschreibung nach Knut Hickethier

Hickethier unterscheidet nach Feldern der Geschichtsschreibung, Darstellungsweisen und der Geschichte der Massenmedien.
Ein Feld der Geschichtsschreibung ist seiner Meinung nach die Geschichte der künstlerischen Medien, bzw. der Künste. Sie umfasst sowohl Literatur und Musik, als auch bildende und darstellende Kunst. Es ist die Geschichte der Inhalte, Formen und Gestaltungsweisen. Ein anderes Feld ist die Geschichte der technisch-apparativen Massenmedien. Hierbei geht es laut Hickethier um technikgeschichtliche, institutions- und kommunikatorgeschichtliche und programm- und rezeptionsgeschichtliche Betrachtungen. Dieses Feld der Geschichtsschreibung ist demnach institutionell geprägt.
Das dritte Feld umschreibt die Geschichte der Medientechnologien. Im Fokus stehen theoretische Konstruktionen. Weniger Wert wird auf die beschreibende Kohärenz der Medienentwicklung gelegt.

Zudem stellt Hickethier drei Darstellungsweisen der Mediengeschichte vor. Die chronikalische Darstellung bildet die Basis einer jeden Geschichtsschreibung und zeigt wesentliche Stationen einer Medienentwicklung auf.
Die biografische/autobiografische Darstellung ist eine lebensgeschichtliche Berichterstattung, die dazu dient intime Einblicke in Entscheidungsprozesse der Medienproduktion zu erlangen. Die Strukturdarstellung beschreibt Medieninstitutionen als handelnde Einheiten. Schwerpunkt ist bei dieser Form der Darstellung die Organisation, das Angebot sowie die Nutzung. Hickethier liefert vier Herangehensweisen zur Geschichte der Massenmedien.

1. Institutionengeschichte
Seit etwa dem 19. Jahrhundert beschäftigt sich die Institutionengeschichte mit der Entstehung von Medieninstitutionen, sowohl mit den Institutionen an sich als auch mit den Kommunikatoren. Sie ist durch wirtschaftliche und politische Randbedingungen geprägt.
2. Technikgeschichte
Diese ist die Geschichte medialer Erfindungen und apparativen Technologien. Ziel soll es sein an alte Technologien und ihre Leistung zu erinnern und daraus technische Änderungen für die Medienprodukte und ihren kommunikativen Gebrauch zu folgern.
3. Produkt- und Programmgeschichte
Hier wird sich mit medialen Produkten und deren Angebotspräsentation auseinander gesetzt. Es wird auf Inhalte alter Medien zurückgegriffen, aber auch auf Neuerungen eingegangen. Aufgrund der ungeheuren Materialfülle ist diese Geschichte für Massenmedien schwer zu bewältigen.
4.Rezeptions- und Wahrnehmungsgeschichte
Diese fokussiert den Zuschauer, sowie dessen Mediengebrauch. Diese Form entstand mit der Veränderung medientheoretischer Grundannahmen. Der Rezipient wird nunmehr nicht als form- und geschichtslos, sondern aktiv und mitgestaltend verstanden.

Diese Möglichkeit der Geschichtsschreibung nach Hickethier ist im Gegensatz zu Faulstichs Theorie jeweils nur auf einzelne Massenmedien anwendbar. Während Faulstich versucht mit seiner Medienkulturgeschichte eine Kommunikationsgeschichte als Teil der Gesellschaftsgeschichte zu schaffen, dient Hickethiers Kategorisierung lediglich einer fundierten Einzelmedienbetrachtung.

Zur Durchführung von "Dead Media" - Untersuchungen bietet sich eher Knut Hickethiers Vorstellung an, da hier wirtschaftliche, institutionelle und technische Probleme besser ersichtlich werden. Aus diesen Problemen heraus entwickeln sich dann neue Medien, die die Alten ablösen, deshalb ist das Wissen um Schwierigkeiten eine Notwendigkeit auf dem Gebiet. Des Weiteren kann man nach Hickethier eine bessere Kategorisierung des jeweiligen Untersuchungsgegenstandes vornehmen. Man kann beispielsweise die Entwicklung vom Video zur DVD hinsichtlich den Institutionen, der Technik und den Rezipienten betrachten und daraus Gründe für das "Sterben" des Videos folgern.

3. Medienevolution nach Klaus Merten

Klaus Merten prägte den Begriff der Medienevolution, welche sich schrittweise vollzieht. Seiner Auffassung nach, geht jeder mediale Fortschritt, der gemacht wird, immer auch mit einem Gesellschaftswandel einher. Zunächst zeigt er den Schritt vom animalischen Signalverhalten zur sprachlichen Kommunikation auf. Aus der Sprache und damit verbundenen Schwierigkeiten (beispielsweise die Informationsspeicherung) entwickelte sich die Schrift. Aus der Schrift heraus entstehen technische Medien und in einem letzten Schritt kommt es zur Entstehung von Metamedien zur Bewältigung der medialen Vielfalt. Metamedien sind Auswahlinstrumente, Medien über Medien (so zum Beispiel Fernsehzeitschriften, Fachbücher oder das Internet).
Diese Theorie ist Faulstichs Annahmen ähnlich, aber auch ein Stück weit konträr. Faulstich kategorisiert die Medien in dem Prozess der Weiterentwicklung, während Merten "nur" auf die Stufen der Entwicklung eingeht.

4. Abschließende Hauptthesen

  • so vielfältig Medien sind, so unterschiedlich sind auch die Herangehensweisen
  • Faulstichs Medienkulturgeschichte bedient sich einer Kategorisierung der Medien in Primär-, Sekundär-, Tertiär- und Quartärmedien innerhalb eines jeweils festen zeitlichen Rahmens
  • Hickethier stellt Mediengeschichte anhand medialer Teilgeschichten dar ( Institutionengeschichte, Technikgeschichte, Produkt- und Programmgeschichte und Rezeptions- und Wahrnehmungsgeschichte)
  • Merten fasst Medienentwicklung wie Faulstich als Gesamtprozess auf, beschränkt sich dabei aber auf den Prozesscharakter ohne eine Kategorisierung der Medien vorzunehmen

5. Fazit

Abschließend möchte ich noch einmal darauf eingehen, welche dieser Systematiken sich am besten dazu eignet Untersuchungen zu "toten" Medien durchzuführen. Meiner Meinung nach ist die Geschichtsschreibung nach Knut Hickthier am besten zu verwenden. Sie ist detailliert und erlaubt tiefe Einblicke in vorherrschende Probleme (und damit Gründe für das Sterben) eines Mediums. Zudem ist sie komplex und ermöglicht es innerhalb der vier Herangehensweisen aufeinander Bezug zu nehmen. Soll heißen, dass sich eins aufs Andere bezieht und sich Aspekte folgern lassen.
Man kann sich zunächst damit beschäftigen wer ein Medium hergestellt / konzipiert hat und wie es funktionierte (Institutionen- und Technikgeschichte). In einem nächsten Schritt kann man gucken, wer das Medium wie nutzte. Aus diesen Betrachtungen heraus wird sich zeigen welches "Ablösemedium" den Erfordernissen der Rezipienten besser gerecht wurde und warum.


Quellen

  • Faulstich, Werner 1998. Mediengeschichte. In: Faulstich, Werner (Hrsg.). Grundwissen Medien. 3., vollst. überarb. und stark erw. Aufl. München. S. 29-41
  • Hickethier, Knut 2003. Einführung in die Medienwissenschaft. Stuttgart/Weimar. S. 348-361
  • Hickethier, Knut 2002. Mediengeschichte. In: Rusch, Gebhard (Hrsg.). Einführung in die Medienwissenschaft. Konzeptionen, Theorien, Methoden, Anwendungen. 1. Aufl. Wiesbaden. S. 171-188
  • Hiebel, Hans H. 1999. Große Medienchronik. München
  • Hiebel, Hans H./Hiebler, Heinz/Kogler, Karl/Walitsch, Herwig 1998. Die Medien. Logik - Leistung - Geschichte. München. S. 7-29
  • Merten, Klaus 1994. Evolution der Kommunikation. In: Schmidt, Siegfried J./Merten, Klaus/ Weischenberg, Siegfried (Hrsg.). Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Opladen. S. 141-162

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