ein beitrag von Agnes Fischer und Ines
Hubert |
05.01.2005 |
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Farbmusik – optische Musik – Augenmusik – visuelle Musik – Klangfarben – Farbtöne Das sind viele Begriffe, um die Verbindung von Bild und Ton, die visuelle Musik, zu beschreiben. Doch fangen wir von vorne an: Bild und Ton sind, physikalisch betrachtet,
getrennte Phänomene. Sie werden erst im Kopf des Rezipienten zusammengesetzt.
Es entsteht die Synthese von Bild und Ton. Sowohl der Fackeltanz in der
Urhöhle als auch die Orgelmusik zum Licht gotischer Fenster schaffen
im Betrachter eine (un)bewusste audiovisuelle Synästhesie. Das Wort
Synästhesie ist abgeleitet von den altgriechischen Wörtern
syn (= zusammen) und aisthesis (= Empfinden), laut Duden im engeren Sinne
die Miterregung eines Sinnesorgans bei Reizung eines anderen. Synästhesie
ist eine zusätzliche Form der Wahrnehmung, die in extremer Ausprägung
auch krankhaft sein kann. Bei diesen Menschen entstehen beispielsweise
unwillkürlich Farbeindrücke, sobald sie einen Ton hören. Klänge haben visuelle Eigenschaften, die in der Musik nicht zu fassen sind. Man beschreibt einen hohen Ton als spitz, einen tiefen als stumpf. Möchte man diese Töne darstellen, so wird man den hohen Ton in einen kleinen, weißen Punkt und den stumpfen Ton in einen großen, braunen Punkt umsetzen. Diese Transformation, also die Umwandlung von Tönen in visuelle Eigenschaften (oder umgekehrt), wird jedem Menschen nachvollziehbar sein. Neben der oben genannten Synästhesie und der Transformation lassen sich zwei weitere Analogiebildungskonzepte zwischen Musik und bildender Kunst feststellen: Methodenadaption und Geräuschintegration. Methodenadaption heißt, dass man die eigene Arbeitsweise in eine andere Kunstform überträgt, z.B. das Malen zur Darstellung von Musik. Unter Geräuschintegration versteht man das Verwenden „realer“ Töne im Film. Dabei handelt es sich sowohl um Geräusche, deren Quellen klar zu identifizieren sind (z.B. bei Schritten der Mensch), als auch um Geräusche, die mehrere Quellen haben (z.B. die Atmosphäre einer Fußgängerzone) und nicht mehr eindeutig nachzuvollziehen sind. Im Gegensatz zu musikalischen Klängen verweisen die Geräusche auch speziell auf Aktionen und Objekte (Geräuschquellen). Mit der Erfindung tragbarer Aufnahmegeräte konnten die Avantgardisten Geräusche ihrer Umgebung aufnehmen und sie in ihren Filmen einsetzen. Die Klassische Avantgarde und ihre Vorgänger Die Menschen denken jedoch nicht erst seit der klassischen Avantagarde über eine Verbindung der Künste nach: “Der Traum eine Farbmusik für das Auge zu schaffen, die der tonalen Musik für das Ohr entspricht, datiert mindestend bis zu Pythagoras und Aristoteles in die Antike zurück- sicherlich wird man die Videoclips von heute als letzte künstlerische Apotheose dieses Traums ansehen können.” (William Moritz 1987, S.17) Dennoch waren Musik und Kunst lange Zeit getrennt. Um 1900 wollten Musiker
der Synästhesie Musik für die Augen und Maler der Synästhesie
Malerei für das Ohr schaffen. Mit der Annäherung von zwei Seiten überschritten
beide die Grenzen ihres Mediums und tendierten zu einer Einheit, mit
der die Kunst durch alle Sinne ganzheitlich wahrgenommen wird. Erst nach 1900 wurden Technologien entwickelt, die eine formbarere Verbindung
von Bild und Ton und somit das Erreichen der Synästhesie ermöglichten.
Mit der Erfindung des Films und der Aufnahmefähigkeit des Tons konnten
die Medien vereint werden. Eine neue Generation von Künstlern erprobt die ästhetische Spezifik der audiovisuellen Medien und setzt den Beginn der Medienkunst. Zu den Pionieren gehören Viking Eggeling und Walther Ruttmann, beide „eigentlich“ Maler. Ruttmanns Überlegungen für eine Kunst jenseits der Malerei gehen sehr weit, er fordert eine Malerei mit Zeit: „Eine Kunst für das Auge, die sich von der Malerei dadurch unterscheidet, dass sie sich zeitlich abspielt (wie Musik). Es wird sich deshalb ein ganz neuer, bisher nur latent vorhandener Typus von Künstler herausstellen, der etwa in der Mitte von Malerei und Musik steht. Für diese neue Kunst ... kann auf alle Fälle mit einem erheblich breiteren Publikum gerechnet werden, als es die Malerei hat...“ (Walther Ruttmann 1919, S. 64) 1921 hat sein Film „Opus 1“ Premiere. Ruttmann malte auf Glasplatten und machte Einzelaufnahmen von den wechselnden Bildern bzw. grafischen Elementen. Die Musikkomposition zum Film machte Max Butting, was „Opus 1“ zum Vorläufer der Filmmusik macht: Ruttmann löste sich von schon vorhandenen Musikstücken und ließ eigens komponieren – die Musik folgte dem Bild. Sie schafft es, das Gesehene nachzuempfinden. Walther Ruttmann animierte seine Formen und Objekte synchron zur Musik, verband den Toncharakter der Instrumente, den Rhythmus und auch die Dynamik mit dem Bild. Vergrößert sich ein Kreis, wird die Musik dynamischer. Dem Dreieck, dass aus dem unteren Bildrand hervortritt, folgt ein hoher Ton. Schweben Blätter durch das Bild, ist die Musik ruhig. Die Synthese von Bild und Ton ist dadurch erreicht, dass Form, Farbe und Bewegung direkt mit der Musik verbunden sind. Auf Synästhesie und Synthetik folgte Synchronie: Das zeitliche Zusammenspiel von Bild und Ton. Die Entwicklung von Aufnahmegeräten und die Verfügbarkeit von O-Tönen ermöglichten es Walther Ruttmann den Film „Berlin. Sinfonie einer Großstadt“ (1927) zu drehen. Schon im Titel wird der synästhetische Bezug deutlich. Ohne Schauspieler und Drehbuch schneidet Ruttmann einen Tag Metropole aus „natürlichem Material“ zusammen. Zu sehen ist die Moderne – Züge, Telegrafenmasten. Die den Menschen im täglichen Leben spürbare und im Film (durch häufige Schnitte) sichtbare Schnelligkeit wird durch die Musik unterstützt. Neben Ruttmann, Eggeling und Richter war es vor allem Oskar Fischinger,
der die abstrakten Grundlagen für den visuellen Musikfilm und das
Musikvideos gelegt hat. “Zwischen Ornament und Musik bestehen direkte Beziehungen, das heißt Ornamente sind Musik. Ein Tonstreifen weist am Rand einen feinen Streifen zackigen Ornamentes auf. Dieses Ornament ist gezeichnete Musik, ist Ton. Durch den Projektor geschickt klingen diese gezeichneten Töne unerhört rein und ganz offensichtlich sind hier phantastische Möglichkeiten.” (Bódy/Weibel 1987, S. 84) Eines der bekanntesten Werke Oskar Fischingers ist sein Film "Komposition
in Blau/ Lichtkonzert Nr. 1". In diesem abstrakten Animationsfilm
dominiert die Fläche. Farbige geometrische Figuren werden in rhythmische
Bewegung versetzt, wodurch sich eine Visualisierung der Musik aus Nicolais "Die
lustigen Weiber von Windsor" ergibt. Jedoch waren nicht nur der Klassische Avantgardefilm, sondern auch das
Bauhaus für die Entwicklung des Musikvideos von Bedeutung. Hier treffen drei Entwicklungslinien aufeinander: die künstlerische Suche nach einer visuellen Musik, die medientechnische Verkoppelung von Bild und Ton und schließlich die Übertragung von Entwicklungen der Avantgarde in die Mainstream-Kultur. Musikvideo und Vjing Ein Sprung in die Gegenwart soll nun die Verbindung der Avantgardisten mit heutigen Musikvideokünstlern schaffen. Finden wir noch heute die synästhetischen Ansätze wieder oder haben gar Walther Ruttmann und Oskar Fischinger die Grundlagen für das Vjing und die Musikvideos gelegt? Das synästhetische Ideal ist schon erfüllt, wenn man sich
das Wort Musikvideo einmal genauer ansieht: video = ich sehe. Die übersetzte
Bedeutung lautet also: Ich sehe Musik. Die meisten Clips haben jedoch nur die Funktion, ein Werbespot für ein Musikstück zu sein – nicht unbedingt Kunstwerke. Ein „positives“ Beispiel kann man mit dem Clip "How does it make you feel" von Air (2001) zeigen: Sie haben ein Musikvideo gemacht, dass die Ziele der Avantgardisten (Synästhesie und Transformation) verwirklicht. Farbe, Form und Schnittgeschwindigkeit sind auf die Musik abgestimmt – Bild und Ton bilden eine Einheit. Die Bilder bei "How does it make you feel" entfalten ihre Bedeutung über die Musik. Selbst die in der Mitte beginnende Zerstörung des Gezeigten (Gläser zerspringen, Explosionen) passt sich der Musik an und wirkt auf den Rezpienten nicht unharmonisch. Hat das Genre Videoclip zu Beginn der 80er Jahre den Avantgardefilm hauptsächlich als Selbstbedienungsladen angesehen, d.h. seine Ideen wahllos aufgegriffen, so sind Videoclips in den 90er Jahren dabei, die Rolle des Avantgardefilms zu übernehmen, ihn abzulösen, vielleicht zu ersetzen. Manche Musikvideos werden selbst zur Avantgarde. Zu Beginn des Musikfernsehens bezeichnete man jene Personen als Video
Jockeys, die die neuesten Musikvideos präsentierten. Heutzutage
bezieht sich der Ausdruck VJ jedoch auf Video-Performance-Künstler,
die in Kombination mit Musik verschiedener Art live Bilder erzeugen. Die unterschiedlichen Annäherungen an eine Live-Handhabung bildlicher
Manipulation spiegelt die Verschiedenheit der Individuen, die diese Kunst
praktizieren, wider. Die Stile erstrecken sich auf einer großen
Bandbreite, die von sehr technisch orientierten und raffinierten, bis
zu einfacher aufgebauten, weniger auf die Komplexität der Musikstrukturen
eingehenden, Ausführungen reicht. Dies geschieht nicht zuletzt,
da sich die Performer sehr unterschiedlicher Werkzeuge bedienen, die
von der Spiel-Konsole und Laptops bis zu Verwendung von Videoaufnahmen,
die von minimalistisch inszenierten Theaterbühnen vor Ort gefilmt
werden, reichen. Nach Ansicht von VJ Solu hat sich trotz dieser großen
Unterschiede eine gewisse Ansammlung, möglicherweise ein Kanon von
Bildern, Themen und Techniken herauskristallisiert. Manchen VJs gelingt es bei ihrer Performance, eine Analogie zwischen Musik und Bild herzustellen. Als Beispiel ist an dieser Stelle die VJ-Formation der 242.pilots zu nennen. In ihrer Performance schaffen sie im Bild Strukturen, die sich analog zur Musik verhalten und umgekehrt. Die 242.pilots schichten sowohl ihre Musik (instrumentale bzw. elektronische Klängen und Geräuschen werden zusammen abgespielt), als auch ihre Bilder (mehrere Bilder liegen übereinander). VJs projizieren Geschichten und stellen Fragmente nebeneinander, die
aus Fernsehen, Videos, Spielfilmen, Magazinen, Animationen, Computerspielen,
Videokunst, der Politik, etc. ausgewählt sind, und thematisieren
mitunter die immense audiovisuelle Manipulation, der wir im Medien-Alltag
ausgesetzt sind.Neben leistungsfähigeren und im Format kleineren Laptops gibt es
eine große Vielfalt an VJ-Software. AudioVisualizers, eines der
größten Webportale für VJs, haben auf ihrer Seite mehr
als hundert VJ-Programme aufgeführt. Basic applications wie Arkaos
oder Resolume nutzen das Keyboard, um zwischen einer Galerie von Videoclips
oder äußeren Quellen abzuwechseln und fügen Effekte hinzu. Eine der Tendenzen innerhalb der VJ-Szene ist der Zusammenschluss von
VJs und Musikern. Diesen Kollektiven gelingt eine Performance, in der
die Interaktion zwischen Bild und Ton auf eine höhere Stufe erhoben
wird. Auch die bereits erwähnte Gruppe der 242.pilots entspricht
einem solchen Zusammenschluss, die aus drei Videokünstlern und einem
Musiker besteht. Es gelingt ihnen, die Trennlinie zwischen Ton und Bild
verschwimmen zu lassen. Sie performen gemeinsam und verwenden dabei ihr
eigenes Werkzeug, ihre eigene Custom Software. Wie die klassischen Avantgardisten
stehen auch heutige Videokünstler vor dem Problem, dass sich schon
existierende Werkzeuge nicht zufriedenstellend für die eigenen Projekte
verwenden lassen. Zusammenfassung Ein wichtiges Moment, das die gesamten Avantgarde-Bewegungen des 20.
Jahrhunderts durchzieht, ist der enge Zusammenhang zwischen der Innovation
technischer Verfahren, neuen künstlerischen Ausdrucksformen und
Inhalten.
Literatur: Bódy, Veruschka; Peter Weibel 1987. Clip, Klapp, Bum. Von der visuellen Musik zum Musikvideo. Köln. Deutsches Filmmuseum Frankfurt am Main 1993. Optische Poesie. Oskar Fischinger Leben und Werk. Hausheer, Cecilia 1994. Visueller Sound. Musikvideos zwischen Avantgarde und Populärkultur. Luzern. Moritz, William 1993. Optische Poesie. Oskar Fischinger. Leben und Werk. Ruttmann, Walther 1919. Malerei mit der Zeit. Solu 2004. VJ Culture. From Loop Industry To Real Time Scenarios. Filme: Oskar Fischinger, Komposition in Blau/ Lichtkonzert Nr. 1, 1935 How Does It Make You Feel Musikvideo von Air. 2002. Album: 10,000 Hz Legend Regisseure: Antoine Bardou-Jacquet, Ludovic Houplain. 242pilots, DVD "242.pilots live in Bruxelles", 22. 02. 2002.
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