2.2. Kompositionstechniken und Funktionen

ein beitrag von Marina Ostwald, Claudia Ziegenfuß

24.11.2004

1. Einleitung

Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurden unzählige Filme produziert. Doch mit der technischen Weiterentwicklung des Stummfilmes hin zum Tonfilm um 1910, wurden fast alle Produktionen mit Musik angereichert. Diese wurde zum wesentlichen Bestandteil der Handlung, da Filmmusik nebst Bild und Dialog das wichtigste Mittel ist, um einem Film Ausdruck zu verleihen. Musik macht Handlung lebendig, kann straffen, verzögern, Stimmungen fördern, Impulse geben oder aber auch einfach nur Schwächen verdecken. Seit der Etablierung des Fernsehens in den 50er Jahren ist Musik innerhalb dieses Mediums noch unerlässlicher geworden. Sie ist in fast jedem Sendeformat eingebettet, sei es in der Dokumentation, der Nachrichtensendung, der Soap Opera oder den Zeichentrickfilmen.
Dass Emotionen und/oder Affekte durch den Film allgemein freigelegt werden und dass diese auch eine Bedeutung für das Verständnis von Rezeptionsprozessen haben, ist jedoch erst seit jüngster Zeit in der Filmwissenschaft auf Aufmerksamkeit gestoßen. Doch dass dabei Musik eine wichtige Stellung einnimmt, wurde bis jetzt oft nur am Rande wahrgenommen bzw. untersucht, obwohl es für gewöhnlich bekannt ist, dass die wichtigste und spezifischste Aufgabe der Filmmusik ist, mit (menschlichen) Emotionen in einem Zusammenhang zu stehen.
Filmmusik allgemein ist neben autonomer Musik (z.B. klassische Konzertmusik) und funktioneller Musik (Musik am Arbeitsplatz, im Supermarkt) eingeordnet in den Bereich der funktionalen Musik.
Pauli (1981) schreibt hierzu:

„Filmmusik ist funktionale Musik. Sie entsteht nicht um ihrer selbst willen, sondern steht im Dienst an einem anderen, grundsätzlich musikfremden Medium,…“

Inwiefern sie nun im Dienst an dem Medium Film steht, soll in diesem Essay geklärt werden. Unser Hauptaugenmerk dabei liegt auf den Kompositionstechniken (Underscoring, Mood-Technik und Motiv-Technik) und den Funktionen. Wir wollen untersuchen, mit welchen Mitteln Musik unsere Rezeption eines Films beeinflussen kann.

2. Kompositionstechniken

2.1 Underscoring

Jeder kennt sie, die niedlichen und witzigen Mickey Mouse-Zeichentrickfilme von Walt Disney. Sofort denkt man an die chaotischen und oft tollpatschigen Bewegungsabläufe (Stolpern, Hinfallen, Stoßen etc.) mancher Figuren, wie zum Beispiel Goofy. Doch kaum einer denkt über die musikalische Begleitung bzw. deren Aufbau nach. Bei genauerer Betrachtung fällt nämlich auf, dass sich die Bewegungen größtenteils in der Musik als Synchronpunkte wieder finden. Bei jedem Fallen auf den Boden gibt es einen zeitgleichen musikalischen Knall, der das Bild zusätzlich unterstützt. Diese oft übertriebene Analogie zwischen Bildinhalt und Musik wurde daraus resultierend auch ‚Mickey-Mousing’ genannt.
Analog zu dieser Technik der Bewegungsverdoppelung oder auch akustischen Verstärkung wurde das so genannte ‚Underscoring’ für den Film entwickelt.
Kurz gesagt versteht man darunter die Bildillustration durch eine musikalische Untermalung, was bedeutet, dass das Bild möglichst synchron und eindeutig in den musikalischen Strukturen umgesetzt werden sollte (Kloppenburg, 2000).
Natürlich hat das Underscoring auch gefühlsauslösende bzw. Gefühle repräsentierende Wirkungen, welche durch eine tonmalerische und klangnachahmende Vorgehensweise beim Komponieren erzeugt werden können. Dabei werden vor allem instrumentale und stilistische Klischees verwendet. Als Beispiel stelle man sich Akkordeonmusik vor und versuche sich dann das passende Bild im Kopf hervorzurufen. Meist denkt man dann an pariserisches Flair, an Hafenszenen oder aber einfach auch nur an bayrische Landestracht. Zu vielen Instrumenten und Musikstilen existieren konkrete Assoziationen; so verbindet man etwa eine Balalaika sofort mit Russland und Folklore, Bongos sofort mit dem Urwald und ältere Jazzstile (Swing, Bebop) mit verrauchten Vorstadtkneipen. Im Laufe seiner persönlichen Mediensozialisation verinnerlicht jeder Mensch diese Klischees und wendet sie so Tag für Tag unbewusst an.
Zusammenfassend kann man also sagen, dass Underscoring auf der Bildebene sichtbare Bewegungen, Geschehnisse oder Gefühle synchron mit vollzieht, indem die Musik entweder an Bewegungen innerhalb des Bildes gekoppelt ist oder Affekte freisetzt bzw. bezeichnet. Diese Technik wurde zum Beispiel in Filmen wie ‚Indiana Jones’, ‚Robin Hood’ oder ‚Star Wars’ verwendet.


2.2 Mood-Technik

Die Mood-Technik erzeugt eine gewisse Atmosphäre, einhergehend mit einer spezifischen Stimmung mittels Musik über eine ganze Szene hinweg. Es handelt sich um Musik mit deutlich expressivem Stimmungsgehalt in Anlehnung an die zu begleitende Szene. Dabei spielt die Wahl der Instrumente, der Spieltechnik, des Tempos, der Tonlage sowie der Tonart eine wichtige Rolle. Da die Mood-Technik die Aufgabe hat, die psychische und seelische Verfassung der Protagonisten für die ganze Szene wiederzuspiegeln, wird der Zuschauer durch die Musik affirmativ auf das Bild eingestimmt, um dieses besser analysieren bzw. interpretieren zu können. Dabei wird keine Rücksicht auf jede Einzelheit und Begebenheit genommen (Kloppenburg, 2000).
Auch bei dieser Kompositionstechnik kommt es zur Verwendung von Klischees zur Abbildung von Stimmungen. So verwendet man zum Beispiel Dur, um Freude darzustellen und im Gegensatz dazu Moll, um Trauerstimmung innerhalb der Szene zu verdeutlichen. Mood-Technikist in fast jedem Film vorzufinden, da sie sich perfekt dazu eignet den Szeneninhalt musikalisch zu verdeutlichen, um den Zuschauer wirkungs- bzw. bedeutungsspezifisch zu erreichen.

2.3. Motivtechnik

Bei der Motiv-Technik handelt es sich entweder um die Zuordnung leicht erkennbarer musikalischer Motive zu handelnden Personen, wie es zum Beispiel in ‚Titanic’, ‚Indiana Jones’ oder ‚Spiel Mir Das Lied Vom Tod’ der Fall ist oder um die Zuordnung musikalischer Motive zu Szenen mit bestimmten (Gefühls-)Inhalten, so auch zu erkennen in der Comicverfilmung ‚Batman’. Diese Kompositionstechnik übernimmt größtenteils dramaturgische Aufgaben, wie Rückverweise geben oder Antizipationen deutlich machen. Dadurch werden Befindlichkeiten und Situationsveränderungen angezeigt, ohne dass das Gemeinte sichtbar sein muss. Allgemein können mit der Motiv-Technik Charaktereigenschaften ausgedrückt werden, die sich im Laufe der Kompositionen entwickeln können, was auf der situativen Ebene genauso möglich ist (Kloppenburg, 2000).
Die Motive für die jeweils handelnden Personen werden in Weibliche und Männliche unterschieden. Das männliche wird meist herb, rhythmisch, markant, gestalterisch aktiv und nach Veränderung strebend komponiert, wodurch es das schöpferisch aufbauende, aber auch auflösende zerstörerische Prinzip verkörpert. Im Gegensatz dazu steht das weibliche Motiv, welches charakteristisch zart, einschmeichelnd und um Erhaltung der bestehenden Ordnung bemüht ist. Dieses Motiv soll im Film das männliche Thema besänftigen und ausgleichen.
Diese beiden konträren Motivgeschlechter lassen sich besonders gut an den beiden Hauptcharakteren ‚Der Mann Mit Der Mundharmonika’ und ‚Jill’ aus dem Film ‚Spiel Mir Das Lied Vom Tod’ nachvollziehen.

3. Funktionen von Filmmusik

Die Musik im Film ist funktional, das bedeutet, wir hören sie nicht nur der Musik wegen, sondern es steckt immer eine größere Bedeutung in ihr. Sie wird genutzt, um visuelles klanglich zu unterstützen, zu verdeutlichen und natürlich auch um die Wahrnehmung und Emotionen des Zuschauers zu beeinflussen.
Eine Betrachtung der Filmmusik rein bezüglich ihrer musikalischen Strukturen ist natürlich möglich, würde aber ihrer Vielschichtigkeit in Bezug auf ihren Entstehungsgrund, nämlich dem Film, nicht gerecht werden.
Die Funktionen der Filmmusik lassen sich jedoch noch genauer unterteilen. Dazu gibt es verschiedene Ansätze, die jedoch bestimmte Aspekte nicht berücksichtigen. Als relativ umfassend und vielseitig ist die Unterteilung der verschiedenen Funktionen der Filmmusik von Kloppenburg (2000) anzusehen. Er unterteilt, bezogen auf die Bildebene, die Filmhandlung und die Filmsyntax
in Syntaktische Funktionen, Expressive Funktionen und in Dramaturgische Funktionen .

3.1 Syntaktische Funktionen

Die SYNTAKTISCHE FUNKTION ermöglicht uns ein leichteres strukturelles Verstehen des Gesehenen. So werden Sequenzen akustisch miteinander verbunden. Durch die Musik werden also weiche Übergänge zur nächsten Sequenz geschaffen, oder auch eine starke Abgrenzung. In solch einem Fall hilft die Musik dem Zuschauer Handlungsstränge voneinander abzugrenzen um so dem filmischen Geschehen besser folgen zu können. Filmmusik kann des weiteren Einstellungswechsel verdeutlichen (z.B. Point of View Protagonist A Wechsel zu Point of View Protagonist B).


3.2 Expressive Funktionen

Die Expressive Funktion ist wohl die uns am meisten Bewusste und wichtigste Funktion der Filmmusik. Sie verstärkt und intensiviert unsere Wahrnehmung des Gesehenen.
Filmmusik hat einen expressiven Charakter, der z.B. im Film gezeigte Gefühle unterstützt und hervorhebt. Sie ist es, die den Zuschauer dazu bewegt, die jeweilige Szene als noch romantischer oder noch trauriger oder noch angsterregender etc. zu empfinden. Es findet durch die Filmmusik eine „Intensivierung des Situationserlebens“(Kloppenburg, 2000) statt. Diese Funktion der Filmmusik spiegelt sich besonders gut wider in den Kompositionstechniken wie Mood Technikoder das Underscoring, welches auch eine bestimmte Stimmung hervorrufen kann.
Allein über die visuelle Ebene ist beim Rezipienten das vom Filmemacher gewünschte Empfinden nicht zu erreichen. Die Musik hilft dem Rezipienten, Gesehenes auf die gewünschte Weise zu verstehen und zu interpretieren.


3.3 Dramaturgische Funktion

Die Dramaturgische Funktion lässt sich sehr gut am Beispiel der Motivtechnik belegen und erklären. Filmmusik hat die Aufgabe Personen zu charakterisieren. Sie verkörpert eine Person allgemein, drückt aber gleichzeitig auch die jeweilige Stimmung des Protagonisten aus oder wird stellvertretend für die Person eingespielt, beispielsweise, wenn es thematisch um sie geht oder sie gleich selber auf der visuellen Ebene zu sehen sein wird. Neben den Stimmungen kann sie natürlich auch Spannungen erzeugen, indem sie sich z.B. bedrohlich anhört. Dadurch kann sie Einfluss in die Interpretation des Rezipienten bezüglich der Handlung nehmen. Sie gibt quasi einen Kommentar ab, wie es Kloppenburg (2000) nennt. Durch das, was die Musik ausdrückt, kann ein „Eingriff“ in die gegenwärtige Handlung stattfinden, sie kann den Zuschauer auf Kommendes aufmerksam machen (suspense), oder auch auf etwas Zurückliegendes verweisen.

4. Zusammenfassung

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Hauptfunktion der Filmmusik ist, dem Zuschauer eine Einfühlung in den Spielfilm zu ermöglichen. Dies trägt eine Identifikation mit dem Protagonisten in sich.
Die Filmmusik soll den Zuschauer förmlich aus der Reserve locken und ihn von einer kritisch distanzierten Haltung gegenüber dem Bildgeschehen befreien.
Aus diesem Grund ist es unerlässlich, dass Filmmusik für den Rezipienten leicht erkennbar und zu verarbeiten ist. Filmmusik ist immer als funktionale Musik zu verstehen. Franz Waxmann, ein bedeutender Filmmusik-Komponist, hat dies treffend formuliert:
„ Filmmusik muss sich sofort und unmissverständlich zu erkennen geben, weil sie nur einmal gehört wird, von einem Publikum, das obendrein unvorbereitet ist und nicht ins Kino kommt, um Musik zu hören“ (zitiert nach Kloppenburg, 2000)

Literatur:

Budin, Lana. Funktionen der Filmmusik und Grundsätze für ihren Einsatz.
<http://www.rossleben2001.werner-knoben.de/doku/kurs76web/node10.html>
(Stand 2004-11-08)

Carlsson, Sven E. Filmsound.
<http://www.filmsound.org/>

Kloppenburg, Josef 2000. Filmmusik. Stil –Technik – Verfahren – Funktionen.

Migglautsch, Maria 2000/2001. Die Geschichte der Filmmusik.
<http://www.e-filmmusik.de/index.htm> (Stand 2004-11-08)

Pauli, H. 1981. Filmmusik: Stummfilm. Stuttgart

Wollermann, Tobias. Zur Musik in der "Drei Farben"-Trilogie von Krzysztof
Kieslowski.
<http://www.epos.uni-osnabrueck.de/books/w/wolt002/pages/22.htm> (Stand
2004-11-08)

 

 
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