2.3. Leitmotivtechnik anhand des Films Spiel mir das Lied vom Tod

ein beitrag von Thomas sagefka

20.11.2004

Eine der wichtigsten Kompositionstechniken im Film ist wohl die sogenannte Leitmotivtechnik. Diese Technik ist in nahezu allen Spielfilmen vorzufinden. Hierbei spielt der Komponist Max Steiner eine sehr wichtige Rolle (Kloppenburg 2000, S.44). Er wird als Begründer dieser Technik angesehen und hat diese in Spielfilmen wie Vom Winde verweht (1939) eingesetzt (Ebd., S.30).
Das Prinzip der Motivtechnik beruht darauf, dass sich ein bestimmtes musikalisches Thema auf eine Figur im Film bezieht. Dadurch ist es dem Zuschauer möglich, anhand des Erklingens einer bestimmten Musik, den dazugehörigen Charakter zu identifizieren. Dieses Prinzip wurde schon in Opern angewandt und trägt außerdem dazu bei, gewisse Assoziationen hervorzurufen (Ebd., S.44). Diese Assoziationen können ganz unterschiedlicher Natur sein. Anhand eines Leitmotivs lässt sich der Innere Zustand eines Charakters aufzeigen, aber auch seine Wandlungsfähigkeit. Eine Variation des Leitmotivs ist immer im gegebenen Handlungskontext zu betrachten. Das heißt, verändert sich das Leitmotiv, hat sich auch etwas beim Charakter im Film verändert (Ebd., S.32). Jedoch können Leitmotive auch statisch bleiben, um eine gewisse Statik seitens des Protagonisten aufzuzeigen.
Ein besonders gutes Beispiel für die Leitmotivtechnik ist der Film Spiel mir das Lied vom Tod (1969).
Die Musik zu diesem Film wurde von Ennio Morricone komponiert und schon vor Drehbeginn fertig gestellt (Ebd., S.40/41). Morricone hat auf der Grundlage des Film-Skripts die Musik komponiert und durch das Leitmotiv die Charaktereigenschaften jedes Protagonisten verdeutlicht.
Das wohl bekannteste Motiv ist das Motiv vom Mann mit der Mundharmonika (Beispiel 2).
Der Sound der Mundharmonika ist sehr typisch für diese Figur. Des Weiteren wurde gerade dieser Sound, der mehr als eine Melodie und ein Leitmotiv für eine Figur ist, zum absoluten Markenzeichen dieses Films.
Ein weiteres wichtiges Leitmotiv ist das des Bösewichtes Frank. (Beispiel 4). Er arbeitet im Auftrag eines Eisenbahnunternehmers und erschießt eine irische Einwandererfamilie, weil deren Grundstück für den Bau der Eisenbahn im Weg ist. Als Frank die Einwanderer erschießt und er später die Leichen begutachtet, erklingt sein Leitmotiv einer bissigen Gitarre. Diese Gitarre steht in sehr starkem Kontrast mit dem sonst sehr einfachen Sound der Wüste, bei dem höchstens einige Grillen im Hintergrund zu hören sind. Deshalb wirkt sie sehr zerstörerisch und aufbrausend. Sie kennzeichnet somit einerseits das Böse, das von Frank verkörpert wird und andererseits die Überlegenheit, die Frank besitzt. Diese Überlegenheit wird durch eine sehr hohe Lautstärke des Leitmotivs verdeutlicht.
Eine weitere Besonderheit wird außerdem durch das Einsetzen des Mundharmonikamotivs deutlich. Dadurch wird eine weitere Funktion des Leitmotivs erkennbar, denn ein Leitmotiv ist sehr häufig für die Antizipation von Sachverhalten verantwortlich (Ebd.). In der Szene, in der Frank den irischen Einwanderer und seine Familie erschießt, taucht der Mann mit der Mundharmonika nicht auf. Trotzdem findet dessen Leitmotiv Verwendung. Dadurch wird klar, dass der Bösewicht Frank mit dem Mann mit der Mundharmonika in Verbindung stehen muss. Genau diese Tatsache wird am Ende des Films auch aufgelöst, da Frank den Bruder vom Mann mit der Mundharmonika hängen ließ. Der Bruder stand dabei auf den Schultern des Mannes mit der Mundharmonika. Genau in dieser Szene wird gezeigt, dass Frank vor dem Erhängen des Bruders dem Mann eine Mundharmonika in den Mund steckt mit dem Satz: „Komm, spiel mir das Lied vom Tod!“. An dieser Stelle wird klar wie der Mann mit der Mundharmonika zu seinem Instrument gekommen ist. Dadurch erscheint das Auftauchen des Leitmotivs der Mundharmonika in der oben genannten Szene mit Frank als eine Art Vorankündigung einer Revanche zwischen den beiden Protagonisten. Am Ende des Films tritt, musikalisch gesehen, das gleiche Phänomen des Aufeinandertreffens beider Leitmotive auf. Diesmal jedoch stehen sich die zwei Protagonisten in einem Duell gegenüber. Somit haben beide Leitmotive einen sehr eindeutigen Bezug zum Handlungsgeschehen und tragen somit zum Verständnis des Filmes bei.
Ein weiteres signifikantes Leitmotiv ist das der Jill McBain (Beispiel 1). Sie ist die Ehefrau des ermordeten irischen Einwanderers und seiner Kinder.
Ihr Motiv erscheint zum ersten Mal in einer Bahnhofszene, in der sie vergebens auf den bereits ermordeten Mann wartet. Als sie merkt, dass er nicht kommt, setzt ihr Motiv ein. Das Motiv wirkt sehr melancholisch, da es in Moll gespielt wird. Hierbei sind besonders das Spinett und der später einsetzende Sopran von großer Wirksamkeit.
Sie transportieren durch ihre Tonlage eine traurige Stimmung in die Szene und verdeutlichen gleichzeitig, in welcher Verfassung sich Jill McBain befindet.
Dadurch ist mit Hilfe des Leitmotivs eine Interpretation des Charakters möglich und auch erwünscht.
Hierbei ist die Vermischung der Motivtechnik mit der Mood-Technik zu erwähnen.
Die Mood- Technik ist hauptsächlich dafür verantwortlich, bestimmte Stimmungen zum Ausdruck zu bringen, ohne auf Details Rücksicht zu nehmen (Ebd., S.43). Durch das melancholische Leitmotiv von Jill McBain ist diese Technik sehr gut zur Geltung gekommen. Die innere Melancholie wird also durch das Leitmotiv ausgedrückt.
Gleichzeitig stellt das Leitmotiv Jill McBains einen Kontrast zu den Motiven von Frank und dem Mann mit der Mundharmonika dar.
Während die Motive der beiden Männer eher zerstörerisch und aufreibend klingen, ist das Motiv von Jill eher romantisch und melancholisch. Somit erfolgt durch das Leitmotiv und seine Grundstimmung auch eine Unterteilung der Geschlechter. Frauen werden in Filmen eher die ruhigeren und romantischeren Motive als den Männern zugeordnet (Ebd., S.32). Dies ist eine weitere Eigenschaft der Leitmotivtechnik.
Des Weiteren vermischt sich das Motiv Jill McBains mit einer heitereren Melodie.
Diese Melodie steht für die neu entstehende Stadt im Film. Schließlich ist Jill McBain die Witwe des erschossenen irischen Einwanderers und somit die Erbin seines Vorhabens, der Gründung einer neuen Stadt.
Alle drei bereits beschriebenen Leitmotive verändern sich im Laufe des Films nicht. Das einzige veränderliche Motiv, ist dem Charakter Cheyenne zuzuordnen (Beispiel 3).
Dieser besitzt im Film eine eher untergeordnete Funktion, ist jedoch sehr wichtig für das Leitmotiv. Das erste Mal taucht dieses Motiv auf, als er eine Bar betritt. Bevor er diese jedoch betritt, gibt es eine Schießerei. Als dann Cheyenne in das Lokal kommt, hört man eine Banjo-Melodie und Streichinstrumente im Hintergrund. Genau diese Streicher vermitteln den Eindruck von Gefahr, was anhand der vorangegangenen Schießerei einen Sinn ergibt. Im Laufe des Filmes freundet sich Cheyenne sowohl mit Jill McBain als auch mit dem Mann mit der Mundharmonika an. Als Cheyenne am Ende des Filmes stirbt, weil er in einer Schießerei verletzt wurde, erklingt sein Motiv mit der Banjo-Melodie und einem Pfeifen im Hintergrund. Dieses Pfeifen besitzt die gleiche Melodie wie das Banjo.
Das heißt, dass Cheyenne durch die Veränderung des Leitmotivs als nicht mehr gefährlich dargestellt wird. Somit wird er automatisch zu einem Sympathieträger.
Jedoch erscheint es nahezu grotesk, dass eine doch sehr heitere Melodie zu seinem Tod erklingt. Auch hier ist das Leitmotiv ein wichtiges Stilmittel, um eine gewisse Stimmung außerhalb des Handlungsgeschehens zu erzeugen. Der Zuschauer wird fast dazu aufgefordert, nicht um Cheyenne zu trauern.
Wie man anhand des Beispiels zu Spiel mir das Lied vom Tod sehen kann, hat das Leitmotiv verschiedene Aufgaben. Zum einen soll es zur eindeutigen Identifizierung eines Charakters im Film beitragen. Zum anderen sorgt es dafür, die Person durch die Musik zu charakterisieren. Wenn es sich also um eine aggressive Melodie im Leitmotiv handelt, ist es logisch anzunehmen, dass auch die entsprechende Person eher aggressiv ist.
Das gilt natürlich auch für andere Charaktereigenschaften wie Einfühlsamkeit oder Lebensfreude. Außerdem ist es möglich mit Hilfe eines Leitmotivs Veränderungen seitens des Charakters im Film aufzuzeigen. Durch bestimmte Variationen des Leitmotivs ist es dem Zuschauer möglich, Wandlungen eines Charakters festzustellen und auch zu interpretieren. Somit trägt das Leitmotiv auch dazu bei, den Zuschauer in eine gewisse Richtung zu lenken und Sachverhalte auf eine bestimmte Weise zu interpretieren. Jedoch kann der Zuschauer gleichzeitig in eine falsche Richtung gelenkt werden. Außerdem kann mit Hilfe des Leitmotivs eine gewisse Stimmung einer Szene ausgedrückt werden.
Zusammenfassend kann man also sagen, dass das Leitmotiv eine sehr wichtige Rolle in der Gestaltung eines Films spielt. Außerdem beeinflusst es auch sehr stark unser Denken und unsere Wahrnehmung.
Der Zuschauer wird durch die Verwendung des Leitmotivs in die Dramaturgie des Films eingeführt und kann ihr mit Hilfe des Leitmotivs auch folgen.

Literatur:

Kloppenburg, Josef 2000. Musik multimedial. Filmmusik, Videoclip, Fernsehen. In: Handbuch der Musik im
20 Jh. Bd. 11. Laaber

Film:

Sergio Leone (Regie). Spiel Mir Das Lied Vom Tod. 1968.

 

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