2.4. UNDERSCORING in Abgrenzung zu MOOD- UND LEITMOTIVTECHNIK am Beispiel des Filmes „Indiana Jones – Der letzte Kreuzzug“

ein beitrag von Jessen Mordhorst

Dez.2004

Underscoring bezeichnet eine der gängigsten Kompositionstechniken der Filmmusik. Die instrumentalisierte, geradezu slapstickhafte Nachahmung von Bewegungen in Zeichentrickfilmen führte auch zu dem Begriff „Mickey-Mousing“, welcher heute auch für „extremes Underscoring“ gebraucht wird. Diese Kompositionstechnik lässt sich bis zu den Anfängen der Filmgeschichte zurückverfolgen. Gerade die Stummfilme profitierten von der zusätzlich gelieferten Information: einem musikalischen, nahezu synchronen Mitvollziehen der auf der Leinwand dargestellten Gegenstände, Personen, sowie deren Handlungen und Gefühle. Die Doppelung besteht also nicht nur in der musikalischen Nachahmung von sichtbaren Bewegungen, sondern auch von dargestellten oder zu erzeugenden Gefühlen. Bei mehrdeutigen Bildern wird so erst durch die Musik beim Rezipienten die entsprechende Emotion hervorgerufen. Die Synchronität der zu sehenden Elemente mit der gehörten Musik ist dabei das hervorstechendste Merkmal des Underscoring und lässt sie so, zumindest theoretisch, klar von der Mood-Technik abgrenzen. In der Praxis werden die verschiedenen Kompositionstechniken oft ineinander greifend in ein und demselben Film eingesetzt und darüber hinaus immer wieder von Leitmotiven und einer Fülle von Variationen untersetzt. (Zur Leitmotivtechnik siehe auch Beitrag von Thomas Sagewka zu „Spiel mir das Lied vom Tod“) In der im weiteren Verlauf folgenden Analyse der Eingangssequenz von „Indiana Jones – Der letzte Kreuzzug“ (Musik: John Williams) wird dieses Zusammenspiel bzw. -wirken der verschiedenen Kompositionsstile besonders deutlich.
Ein weiterer Aspekt soll an dieser Stelle Erwähnung finden. Die lange Zeit vorherrschende Meinung Filmkomponisten würden keine vollwertige Musik „schaffen“, ist zum großen Teil der (für den Film erwünschten) Synchronität von Leinwandgeschehen und Musik zuzuschreiben, welche gerade beim Underscoring gezielt herbeigeführt wird: Da die Musik in der Regel auf Grundlage des fertig geschnittenen Film komponiert wird, und somit zumindest formal dem Leinwandgeschehen und Bildschnitt untergeordnet wird, erscheint sie bei separatem Anhören zwangsläufig zusammenhangslos. Eine qualitative Beurteilung sollte demnach nur in Verbindung mit dem jeweiligen Film geschehen.

Im Folgenden werde ich mich der Eingangssequenz von „Indiana Jones – Der letzte Kreuzzug“ zuwenden, anhand derer sich die Besonderheiten des Underscoringbesonders anschaulich zeigen lassen. Darüber hinaus wird deutlich wie fließend die verschiedenen Kompositionstechniken in der Praxis miteinander verwoben werden, da in der knapp 10 Minuten langen Eingangssequenz sowohl Underscoring, als auch Mood- und Leitmotivtechnik verwendet wurden.

„Der letzte Kreuzzug“ (1989) ist der dritte und (zum jetzigen Zeitpunkt) letzte Teil der Indiana Jones – Reihe. Regie führte Steven Spielberg, die Musik komponierte John Williams. Die Eingangssequenz ist eine Rückblende und zeigt Indiana Jones als Teenager bei einer Pfadfinder-Unternehmung zu Pferde in Utah/USA im Jahre 1912. Bei der Erkundung eines weit verzweigten Höhlensystems stößt der junge Indiana Jones auf eine Gruppe Abenteurer, die gerade einen Schatz plündern. Indi ist entsetzt: Das goldene „Kreuz von Coronado“, einst ein Geschenk von Cortez, gehört seiner Meinung nach nicht in die Hände profitgieriger Abenteurer, sondern in ein Museum! Nachdem er seinen übergewichtigen Pfadfinder-Kumpel um Hilfe geschickt hat, schnappt er sich kurzerhand das wertvolle Kreuz, scheitert jedoch bei dem Versuch, sich unbemerkt davonzustehlen. Es folgt eine ausgiebige Verfolgungsjagd: zu Fuß, mit dem Pferd bzw. Auto und schließlich als blinde Passagiere in und auf einem fahrenden Zirkus-Zug, bis es Indiana Jones gelingt, durch eine Zauberkiste im Wagon des Magiers seinen Verfolgern zu entkommen... Soweit die kurze Zusammenfassung der ersten 9m30s aus „Der letzte Kreuzzug“ – neuneinhalb Minuten die, wie bereits erwähnt, Elemente aller wichtigen Kompositionstechniken beinhalten und deshalb als anschauliches Beispiel sowohl für die einzelnen Techniken, als auch für ihre Verwobenheit dienlich sind. Um die Darstellung zu systematisieren, kann man die Sequenz in 3 Abschnitte teilen, wobei der erste Teil überwiegend von der Mood-Technik bestimmt wird, der dritte überwiegend durch Underscoring, und der Mittelteil Elemente aus allen Kompositionstechniken enthält.

Der erste Abschnitt dauert 2m15s. Anfangs wird die schroffe Felslandschaft Utahs mit ihren monumental anmutenden Gesteinsformationen etabliert. Während die Kamera aufzoomt, öffnet sich der Blick auf ein großes Tal, durch welches sich die Pferde-Kolonne des Pfadfinder-Trupps „schlängelt“ (Schlangen spielen in allen Indiana Jones-Filmen eine bedeutende Rolle, worauf in dieser Betrachtung leider nicht näher eingegangen werden kann). Musikalisch beginnt die Szene mit indianischem Klagegesang, welcher von traditionellen monoton geschlagenen Trommeln begleitet wird. Nach 22 Sekunden findet ein fließender Übergang statt zu einem sehr hohen dissonanten Streicher-Akkord, der im folgenden variiert und begleitet wird durch einen tiefen (an Gozilla erinnernden), langsamen Basslauf, bedrohlich wirkend durch seinen Abwärtscharakter. Erst nach 1m25s ändert sich die Stimmung schlagartig und die Musik entwickelt einen hoffnungsvollen, fröhlichen Charakter, widergespiegelt durch die harmonische Melodie. Auch die Orchestrierung ändert sich: erstmals kommen Flöten zum Einsatz, welche die gewisse Unbeschwertheit zur Stimmung beisteuern. Die Perspektive des Zuschauers ändert sich analog zur Musik: war man während der „bedrohlichen Phase“ noch außenstehender Beobachter und blickte von oben ins Tal, betrachtet man nun zunehmend die Umgebung aus Perspektive der Pfadfindergruppe. Dies erzeugt den Eindruck, dass die Jungs von der sie umgebenden potenziellen Gefahr gar nichts ahnen... Diese Szene ist ein klassisches Beispiel der Mood-Technik: Die Musik gibt der ganzen Szene ihre Stimmung, erst bedrohlich, dann erwartungsvoll beschwingt, ohne auf Einzelheiten der Handlung Bezug zu nehmen oder etwa durch Synchronität von Bild und Musik „Lautmalerei“ zu betreiben. Die Klagegesänge der Indianer, welche ja 1912 noch nicht so lange von diesem Fleckchen Erde vertrieben worden waren, kann man als Symbol dafür ansehen, dass Mutter Erde gerade etwas entrissen wird, eine Vorwegnahme der bald gezeigten Ausgrabung des Schatzes: das Kreuz von Coronado!

Filmbeispiel 1 (Moodtechnik kündigt Bedrohung der Pfadfinder-Unternehmung an)

Der folgende Teil (Timecode von 2m15s bis 4m35s) enthält, wie bereits erwähnt, Elemente aus allen drei Kompositionstechniken (Underscoring, Mood-Technik und Leitmotivtechnik). Beginnend mit dem Aufstieg Indis und seines übergewichtigen Kumpels zum Höhleneingang setzt auch der dissonante Streicherakkord wieder ein, diesmal nimmt er jedoch analog zum Hochschwenken der Kamera an Höhe zu, was auch noch fortwährt als die Perspektive in die Höhle wechselt und Indi + Kumpel ins Bild kommen. Als Indi die Geräusche der Schatzgräber wahrnimmt und diesen Geräuschen nachgeht, wird die Musik - analog zur Handlung - lauter und darüber hinaus konturreicher und bedrohlicher und mündet schließlich in klirrenden, Erkenntnis vermittelnden Tönen als Indi + Kumpel durch die Öffnung der Schatzkammer schauen. Die gerade beschriebene musikalische Entwicklung ist ein gutes Beispiel dafür, dass Underscoring nicht nur eine Nachahmung von den Bewegungen der zu sehenden Personen ist, sondern, wie in diesem Beispiel, durch Zunahme der Dynamik (Lautstärke) auch die Entfernung der handelnden Person zu einem Objekt vermitteln kann, ohne dass dieses im Bild ist!
Es folgt der Teil wo Indi + Kumpel beobachten wie die Abenteurer die Kiste finden und öffnen, in welcher sich das Kreuz von Coronado befindet. Beim Öffnen der Kiste (Timecode 3m13s) erklingt eine kurze harmonische Melodie, welche sich als Kreuz-Motiv herausstellt, da sie immer dann, wenn das Kreuz im Bild ist, ertönt, wenn auch in unterschiedlicher Instrumentierung. (Dies ist auch außerhalb der hier betrachteten Eingangssequenz der Fall, in denen Indiana nicht mehr als Teenager gezeigt wird.)
Nachdem Indi das Kreuz seinem Kumpel gegenüber identifiziert hat, schickt er diesen los, um Hilfe zu holen. Dessen Aufregung (schnellere Atmung, vermutlich auch Pulsschlag) ob dieses Auftrags findet sich analog in der musikalischen Untermalung wieder: schnelle, hüpfende Auf- und Abwärtsbewegungen in kleinen Intervallen im tieferen Tonbereich (erinnert an Batman-Melodie). Auf die Frage des Dicken, was Indi zu tun gedenke, antwortet dieser: „I don’t know. I’ll think of something!“ Die Musik, die analog von einem Horn ein etwas abgewandeltes Militär- oder Jagdsignal bläst, lässt diese für sich alleine mehrdeutige Aussage Entschlossenheit und Tatendrang ausdrücken (TC 4m07s)! Dies ist ein gutes Beispiel, wie mittels Underscoring Absichten und Einstellungen der handelnden Figuren dargestellt werden können. Das abgewandelte Jagd- bzw. Militärsignal ist außerdem beispielhaft wie auch beim Underscoring stereotypisierte Melodien zur Lenkung der Rezipientenwahrnehmung eingesetzt werden.
Am Ende dieses Abschnittes stiehlt Indiana Jones das Kreuz, wobei erneut das Motiv erklingt (TC 4m11s). Was folgt ist sein Fluchtversuch, bei dem er entdeckt wird. Die Musik zeichnet in dieser Szene seine freudige Erregtheit ob des geglückten Diebstahls mittels schneller, von positiv behafteten (größeren) Intervallen getragenen Melodien nach, welche insgesamt einen „hopsenden“ Eindruck vermitteln. Die Entdeckung der Abenteurer, dass ihr Fund entwendet wurde, wird durch ein Klingeln einer Triangel begleitet (TC 4m31s), was an einen Wecker erinnert und signalisiert, dass jetzt der Trubel richtig losgeht.
Wie sehr gut veranschaulicht wurde, sind in dieser Szene von der Mood-Technik (bedrohliche Dissonanzen bei Betreten der Höhle), über die Leitmotivtechnik (Kreuz) bis hin zum Underscoring alle drei Kompositionstechniken zum Einsatz gekommen. Das Underscoring zeichnet sich in dieser Szene durch seinen synchronen Bildbezug aus, wobei auffällig ist, dass es in dieser Szene fast ausschließlich zur Vermittlung von Emotionen und Handlungsabsichten der Figuren eingesetzt wurde.

Filmbeispiel 2 (Underscoring untermalt Emotionen/ Etablierung von „Kreuz-Motiv“)

Den nachfolgenden Teil der Eingangssequenz kann man wohl als Underscoring in Reinform bezeichnen. Der Komponist John Williams selbst hebt (im Interview auf der Specials-DVD der Indiana Jones-Collection DVD Box) die musikalische Dopplung der ständigen Bewegung der Akteure, sowie die hohe Anzahl von Synchronpunkten (laut Williams 55 in 4 Minuten) in diesem Abschnitt hervor, sozusagen die „Markenzeichen“ des Underscoring. Die gesamt Szene in ihren Einzelheiten zu beschreiben würde den Rahmen dieses Essays sprengen. Aus diesem Grunde werde ich mich vorwiegend mit solchen Stellen befassen, bei denen die Musik nicht „nur“ die Bewegungen von Akteuren (Personen und Fahrzeuge bzw. Pferde sowie sonstigen Tieren wie Schlangen) doppelt.
Zunächst wäre in diesem Zusammenhang der Moment zu nennen, wo Indi auf sein Pferd wartet, nachdem er ihm via Pfeifsignal das Zeichen zum Kommen gegeben hat. Während er sich das Kreuz von Coronado in den Gürtel steckt, ertönt wieder das schon zuvor etablierte Kreuz-Motiv (Timecode 4m56s). Eine weitere Szene die musikalisch (bzw. durch das Ausbleiben von Musik) auffällt, findet auf dem Dach des Nashorn-Wagons statt: In dem Moment, wo das Horn des Nashorns direkt zwischen Indis Beinen, nur unweit von seinen Weichteilen entfernt, durch das Wagondach stößt, bricht die Musik schlagartig für 3 Sekunden ab (Timecode 7m16s-7m19s), der Moment des Schocks, den wohl ein jeder Mann nachvollziehen kann.
Nach dem „Durchbruch“ in den Löwen-Wagon sieht Indiana, den Rücken zur Wand, in letzter Sekunde die neben sich hängende Dompteurs-Peitsche – seit dem ersten Indiana Jones-Film (neben dem Schlapphut) sein Markenzeichen – und prompt erklingt von Hörnern verlangsamt gespielt das bekannte Indiana Jones-MOTIV (Raider’s March) (Timecode 8m04s), beim endgültigen Griff zur Peitsche (Timecode 8m06s) zusätzlich verstärkt durch Posaunen und Trompeten. Bevor Indiana mittels Peitsche von seinen Verfolgern aus dem Waggon gezogen wird, greift er sich noch schnell das zuvor heruntergefallene Goldkreuz, jedoch nicht ohne das auf musikalischer Ebene das Kreuz-Motiv erklingt (Timecode 8m17s).
Der nächste Wagon, welcher den Absprung Indis vom Zug ermöglicht, ist der des Magiers. In dem Moment, in dem Indiana den Deckel der Zauberkiste schließt, in welcher er sich eigentlich nur verstecken will, wird schlagartig auch die Musik leise und die anfänglich beschriebene Streicher Dissonanz erklingt wieder (Timecode 9m07s bis 9m13s). Als der Verfolger eine leere Kiste vorfindet, öffnet er die Hintertür des (nun als letzter Wagon des Zuges erkennbaren) Wagons und sieht Indiana Jones nur noch weit entfernt die Gleise entlanglaufen: Das Indiana Jones-MOTIV (Raider’s March) ertönt (Timecode 9m22s)!

Filmbeispiele 3 (Underscoring und abgewandeltes Indiana Jones-Motiv bei Griff zur Peitsche (=Markenzeichen von Indi), sowie erneut „Kreuz-Motiv“)
Filmbeispiel 4 (Underscoring geht über in anfänglich als Moodtechnik genutzte Streicherdissonanz bei Verstecken in Zauberkiste/ Indiana Jones-Motiv bei gelungener Flucht vor Verfolgern)

Wie man anhand meiner Beschreibung deutlich erkennen kann, kann man partiell sehr wohl einzelne Kompositionsstile bei der Betrachtung von Filmen herausarbeiten. Auf der anderen Seite sollte gezeigt werden, dass in der Praxis die unterschiedlichen Stile bis zur Vereinheitlichung gemischt werden und so den Eindruck einer Einheit erwecken.

Der Vollständigkeit halber sollte erwähnt werden, dass die gesamte Eingangssequenz eigentlich erst mit dem Ende der „Jugend-Rückblende“ aufhört, also bei 11m20s, jedoch keine Elemente enthält, die nicht im Vorangegangenen bereits besprochen wurden.

 

Literatur:

Kloppenburg, Josef 2000. Musik multimedial. Filmmusik, Videoclip, Fernsehen. In: Handbuch der Musik im
20 Jh. Bd. 11. Laaber

Film:

Steven Spielberg (Regie). Indiana Jones. USA 1989.

 

[Beispiele]

 

 

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