4.1 Comedy&Sound: Historische Entwicklungen im Comedy-Genre


ein beitrag von Jana Gerhart


10.01.2005

Dass die Leute gern lachen und sich amüsieren, wissen Schriftsteller und andere Kreative seit alters her. Schon die Griechen schrieben Komödien, Shakespeare lockte im 16. Jahrhundert mit seinen lustigen Stücken Arm und Reich in die Theater und auch in der Gegenwart und mit der Erfindung von Film und Kino bleiben Komödien bei Jung und Alt beliebt.
Im Laufe der Zeit ändern sich Darstellung und Gegenstand des Witzes und die Comedy bildet verschiedene Sub-Genre aus.
Der folgende Text soll einen kurzen Überblick geben, wie die Veränderungen im Comedy-Genre von Statten gingen.


Das Genre Comedy

Die Comedy lebt von seinen lustigen Charakteren und von seinem Sound. Würden wir sehen wie Dick und Doof mit den Köpfen zusammen stoßen, wäre das so vielleicht noch nicht witzig. Ist das ganze aber begleitet von einem großen Knall, lachen wir. Und so ist das oft: In vielen Fällen entsteht der Witz erst durch die Übertreibung und die Künstlichkeit, die Geräusche und Musik schaffen können. Der Sound in Comedies ist in seiner Lautstärke, seiner Ausprägung oder einfach nur in seinem Auftreten so unnatürlich, dass es dem Zuschauer ganz bewusst auffällt. Der unrealistische Sound verstärkt und unterstützt die komische Handlung und das Publikum amüsiert sich.
Dabei entsprechen die verwendeten Sounds bestimmten Stereotypen des Komischen. Jemand bekommt etwas auf den Kopf, wir hören einen Glockenschlag und Vogelgezwitscher und trotzdem wundern wir uns nicht, dass wir nicht sehen, was wir hören oder denken, dass irgendwo in der Ferne eine Kirche sein muss. Nein, wir stellen uns vor, wie schmerzhaft das ganze gewesen sein muss und lachen über die Ungeschicktheit des Darstellers. Der Sound schafft einen Kontrast zur Realität, doch seine Bedeutung ist konventionalisiert und deshalb verstehen wir und amüsieren uns.
Die grundlegenden Prinzipien des Sounds in der Comedy sind über die Jahre erhalten geblieben und doch werden in den unterschiedlichen Formen der Comedy unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt.


Die Slapstick - Filme

Als eine der ersten Formen der Comedy im Film gelten die so genannten Slapstick-Filme. Soll man erklären, was Slapstick ist, hilft es eine der vielen standardisierten Szenen zu beschreiben, die in fast allen Filmen dieser Art auftauchen: das Werfen einer Torte, das Ausrutschen auf der Bananenschale oder die zwei Männer, die mit den Köpfen zusammenstoßen. Wie diese Beispiele schon vermuten lassen, wird die Komik in Slapstick-Filmen durch körperliche oder stark körperbezogene Aktionen hervorgerufen. Oft lassen sich diese körperlichen Aktionen auch schlichtweg als Gewaltanwendungen bezeichnen. Heute kennen das die meisten von uns aus Trickfilmen und aus Diskussionen darüber wie gewalttätig diese sein dürfen: Tom und Jerry liefern sich unerbittliche Kämpfe, der Roadrunner kriegt in jeder Folge fünf Felsbrocken auf den Kopf oder explodiert und Itchy und Scratchy lassen ihrer Mordes-Lust freien Lauf, das alles natürlich ohne, dass die Beteiligten durch die Gewalt zu Schaden kommen würden.
Einer der bekanntesten Regisseure des Slapsticks war Mack Sennett. Er gründete 1912 mit zwei Freunden die „Keystone Production Company“ und verhalf dem Slapstick in den 20er Jahren zu seinem Höhepunkt. Zu seinen bekanntesten Slapstick-Reihen zählen die „Keystone Kops“, eine Gruppe leicht dämlicher Polizisten, deren Filme aus Unmengen von Sahnetorten, Verfolgungsjagden und Mädchen bestanden.


Andere Bekannte Slapstick-Künstler waren Charlie Chaplin, Buster Keaton und Laurel und Hardy – bei uns besser bekannt als „Dick und Doof“.
Nun mag man sich fragen, was Slapstick-Comedy aus der Stummfilm-Ära auf einer Seite zu suchen hat, die sich mit Filmsound beschäftigt. Das lässt sich leicht beantworten, denn erinnert man sich Beispielsweise an Folgen von „Dick und Doof“ fällt auf, dass in diesen ja nicht absolute Stille herrscht. Die Folgen wurden mit Musik und – viel wichtiger – mit Geräuschen unterlegt.
Diese Geräusche nennt man Gimmicks, Geräusche ohne konkrete Quelle die von den Filmemachern eingesetzt werden, um bestimmte Vorgänge zu beschreiben und zu betonen. Bei einigen Gimmicks kann man die Quelle durchaus identifizieren z.B. als Gong-Schlag, aber wir wissen assoziieren diesen im Moment des Hörens nicht mit einem Gongschlag sondern mit einem Schlag auf den Hinterkopf
Sie können über- oder untertreiben und Objekte und Vorgänge größer, eindrucksvoller oder lustiger erscheinen lassen. Fällt einem Akteur etwa ein Gegenstand auf den Kopf gibt es einen lauten Knall. Hier können Gimmicks den Gefühlszustand, z.B. den Schmerz einer Person darstellen. Aber nicht nur das: Das Timbre des Geräusches kann sogar die Qualität des Schmerzes deutlich machen. Ein dunkles Timbre beschreibt einen dumpfen Schmerz , ein grelles Timbre einen schneidenden Schmerz. Natürlich würde es auch in der Realität ein Geräusch geben, wenn jemand etwas auf den Kopf bekommt. Dieses Geräusch wäre aber nicht annähernd so laut und intensiv wie die Gimmicks in Slapstick-Filmen. Doch eben diese Übertreibung und diese Kontrastsetzung zur Realität erzeugt Komik.
Neben Gefühlen verdeutlichen Gimmicks auch lautlose Prozesse wie Geistesblitze oder Blicke oder geräuschlose Bewegungen – fliegt ein Gegenstand nach oben geht beispielsweise die Tonhöhe rauf, fällt das Objekt, sinkt sie (Tonbeispiel 4). Diese Sounds sind natürlich alles andere als real und verstecken ihre Künstlichkeit
auch nicht. Wir alle wissen, dass fallende Gegenstände niemals solche Geräusche verursachen aber wir finden das ganze witzig. Und das ist auch die wichtigste Aufgabe der Gimmicks: Sie sollen den Zuschauer unterhalten.


Die Screwball - Comedies

Als Ende der Zwanziger Jahre der Ton im Film eingeführt wurde und das Interesse an der Produktion von „Talkies“ schnell zunahm, verschob sich das Zentrum der Comedy von körperbetonter Komik zu humorvollen Dialogen. Nicht mehr die Körpersprache sondern die gesprochene Sprache brachte die Leute von nun an zum Lachen. Die Screwball - Comedy etablierte sich 1934 und lockte die Menschen in die Kinos. Im Gegensatz zum Slapstick lehnt die Screwball-Comedy die Anwendung von Gewalt ab, wenn Gewalt auftritt, dann immer überraschend und als Kontrollversagen der Figuren im Film. Das wichtigste bei der Inszenierung der Komödien sind wie schon erwähnt die Dialoge. Howard Hawks, dem mit „Twentieth Century“ (Napoleon vom Broadway) 1934 ein Überraschungserfolg gelang, entwickelte die Technik des „überlappenden Dialogs“. In diesem setzt der Akteur zur Gegenrede an, noch bevor die provozierende Zeile ausgesprochen ist (Blake 1991, 112f.). Dadurch entsteht ein schneller Rhythmus von witzigen, geistreichen Dialogen, die für die Screwball-Comedy sehr charakteristisch sind.
Auch hier Kann man in gewisser Weise von einer Übertreibung und Kontrastierung zur Realität sprechen. Schließlich laufen die Dialoge um ein vielfaches schneller ab als wir das aus dem Alltag gewöhnt sind. Normalerweise muss man warten, bis der andere seine Aussage beendet hat, um adäquat darauf reagieren zu können. In der Comedy wird dieses Kommunikationsgesetz außer Kraft gesetzt. Der Zuschauer nimmt das Szenario aber nicht so wahr, als würde ein Akteur den anderen nicht aussprechen lassen, sondern ist fasziniert und amüsiert von den witzigen Wortgefechten.
Viele Filme nutzen auch Lieder zur Inszenierung. Die Screwball-Filme handelten immer von sozialen Beziehungen. Sexualität wird als großes Thema der Screwball-Comedy bezeichnet, allerdings verbietet der Production-Code, der ab 1934 streng durchgesetzt wird, deren explizite Darstellung. Stattdessen konzentrierte man sich auf den Kampf zwischen den Geschlechtern und den Kampf zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Letzteren „gewinnt“ der arme Mann. „Richtig“ leben zählt mehr als die traditionelle Wertorientierung an Reichtum und Status. Das erfahren dann auch die skrupellosen, selbstsüchtigen Reichen, die im Film ihre Lebenseinstellung ändern oder schlichtweg den Kürzeren ziehen. Der Ausgang des Films ist tendenziell bekannt und nur selten eine Überraschung (Blake 1991, S.113). Dementsprechend liegt der Akzent der Erzählung auf dem „Wie“ und nicht auf dem „Was“.
In der Hochphase der Screwball-Comedy von 1934 bis 1942 entstanden um die 200 Filme, die als mehr oder weniger typische Vertreter dieser Comedy-Form angesehen werden können.

Liste Beispielfilme:
- 1934: It Happened One Night (Es geschah eines Nachts); Frank Capra
- 1936: My Man Godfrey (Mein Mann Godfrey); Gregory LaCava
- 1938: Bringing Up Baby (Leoparden küsst man nicht); Howard Hawks
- 1939: Ninotchka (Ninotschka): Ernst Lubitsch
- 1941: The Lady Eve (Die Falschspielerin); Preston Sturges

Ab 1942 wurde auch das amerikanische Leben durch die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges stärker beeinflusst und die Heiterkeit der Screwball-Komödien wurde durch ernstere Stoffe abgelöst. In den 50er Jahren gab es noch einige Versuche das Genre wieder zu beleben, es wurden mehrere Neuverfilmungen produziert, die aber allesamt nur mäßigen Erfolg hatten.


Die Romantic - Comedies

In den Siebziger und Achtziger Jahren kamen dann Filme in die Kinos die stark an die Screwball-Komödien vergangener Zeiten erinnerten. Auch sie handelten von sozialen Beziehungen allerdings ohne die Betonung von Klassenunterschieden. Die Romantic- Comedy war geboren. Die Handlung dieser Komödien ist schnell beschrieben: Zwei Menschen, die ganz offensichtlich zueinander passen, ja sogar für einander bestimmt sind, treffen aufeinander, flirten, kommen aber aus irgendeinem Grund nicht zusammen. Nach vielem Hin und Her und 90 Minuten Film klappt es dann meist doch noch. Diese Geschichte wird mehr oder weniger stark variiert, um wenigstens ein bisschen Spannung zu erzeugen.

Wichtiger Aspekt der Komik ist auch hier der Dialog. In „Annie Hall“ („Der Stadtneurotiker, 1977) hat Woody Allen die von Hawks eingeführte Technik des „Überlappenden Dialogs“ zum „Flatterdialog“ weiterentwickelt. Im dem Film bestehen fast alle Dialoge aus Kommentaren, Bemerkungen und ironischen Fragen. Die Akteure brechen in ihren Ausführungen ab, setzen an anderen Punkten wieder an und führen später weiter. Oft reden sie scheinbar aneinander vorbei und fast immer sind ihre Aussagen doppeldeutig (Gerhold 1996, S.24). Der Soundtrack der Romantischen Komödien ist gezeichnet von Lovesongs und lieblichen Melodien, die den romantischen Part des Filmes be- und vertonen. Diese können auch witzige Songs enthalten, was allerdings die Ausnahme ist, der Hauptaspekt der Komik liegt eindeutig in den Dialogen, in der Ironie und den bissigen Kommentaren, die sich die Päarchen non-stop geben.


Liste Beispielfilme:
- 1984: Micki & Maude (Micki und Maude); Blake Edwards
- 1985: The Sure Thing (Der Volltreffer- The Sure Thing); Rob Reiner
- 1989: When Harry met Sally (Harry und Sally); Rob Reiner
- 1993: Sleepless in Seattle (Schalflos in Seattle); Nora Ephron
- 1994: Four Weddings and a Funeral(4 Hochzeiten und ein Todesfall); Mike Newell
- 1998: Shakespeare in Love (Shakespeare in Love); John Madden
- 2001: The Wedding-Planner (Wedding Planer – verliebt, verlobt, verplant); Adam Shankman


Die Gross-out Comedies

Mindestens ebenso erfolgreich und beliebt wie die Romantic Comedies sind in den 90er Jahren die so genannten Gross-out Comedies. „to gross out“ kann übersetzt werden mit „anekeln“ oder „schockieren“ und genau das tun diese Filme auch. Sie beschränken sich auf Witze über menschliche Ausscheidungen und ihre Darstellung. Oft genügt der entsprechende Sound, um die abstoßenden Bilder im geistigen Auge des Publikums entstehen zu lassen – hier sei absichtlich auf Tonbeispiele verzichtet.
Einige Gross-Out-Filme werden auch als Teenie-Filme bezeichnet, da sie auf ein besonders junges Publikum zielen, das über Fäkalsprache und geschmacklose Witze noch lachen kann.

Liste Beipielfilme:
- 1999: American Pie (American Pie); Paul Weitz
- 2001: American Pie 2 (American Pie 2); James B. Rogers
- 2003: American Wedding (American Pie –Jetzt wird geheiratet); Jesse Dylan


Die Parodien

Ebenfalls ein Phänomen der Neunziger Jahre sind die Parodien.
Parodien bezeichnen im Allgemeinen die verzerrende, übertreibende oder verspottende Nachahmung eines bekannten Werkes. Die ursprüngliche Form wird beibehalten aber ein nicht passender Inhalt zugefügt und durch die Abweichung vom Original entsteht ein humoristischer Effekt. Parodien im Film funktioniert genauso: ein Film-Genre oder ein Film-Klassiker wird verspottet, indem man das Grundgerüst des Originals erhält aber anders ausgestaltet. So wird aus „James Bond – Agent in geheimer Mission“ „Austin Powers – Agent in geheimer Missionarsstellung“ und auch die vielen Teenie-Horror-Streifen der 90er bekommen in „Scary Movie“ ihr Fett weg.

Liste Beispielfilme:
- 2000: Scary Movie (Scary Movie); Keenen Ivory Wayans
- 2001: Not another Teen Movie (Nicht noch ein Teeniefilm); Joel Gallen
- 1997: Austin Powers: International Man of Mystery (Austin Powers: Das schärfste was Ihre Majestät zu bieten hat); Jay Roach
- 2002: Austin Powers in Goldmember (Austin Powers – Goldständer); Jay Roach

Dem Sound kommt in der Parodie eine wichtige Bedeutung zu. Man kann Parallelen zwischen Original und Parodie ziehen, indem man zum Beispiel ein bekanntes Motiv aus dem Original übernimmt – z.B. das Motiv aus Halloween in einer Horrorfilm-Parodie. Aber auch andere Sounds können parodieren. Sobald ein Sound so sehr übersteigert wird, dass diese Übertreibung von den Zuschauern bewusst wahrgenommen wird, steht er im Kontrast zu Realität und erzeugt Komik. Solchen Übertreibungen fallen dann meist die typischen Sound des Genre zum Opfer, das parodiert wird. Zum Beispiel können die typischen panischen Schreie der gejagten jungen Frau im Horrorfilm in der Parodie eine solche Lautstärke annehmen, dass sie noch im nächsten Ort zu hören sind. Das ist dann natürlich komisch.

„Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag“ meinte Charlie Chaplin einmal. Deshalb ist anzunehmen, dass es auch in Zukunft viele Komödien geben wird und die Zuschauer für eine kurze Zeit, auf die eine oder andere Weise vom Alltag ablenken

 

Literatur:

Blake, Richard A. 1991. Screening America. Reflections on five classic films. New York/Mahwah. S. 103-127.

ComedyWordIQ. Definition of Comedy. http://www.wordiq.com/definition/Comedy

Gerhold, Hans 1995. Die Komödie als Spiel von Liebe und Selbstreflexion: Der Stadtdneurotiker (1977), In: Faulstich, Werner/ Korte, Helmut (Hg.).

Fischer Filmgeschichte Band 5: Massenware und Kunst 1977-1995. Frankfurt am Main.
S. 21-37

Wikipedia 2005. Slapstick. http://de.wikipedia.org/wiki/Slapstick

Wikipedia 2005. Screwball Comedy. http://de.wikipedia.org/wiki/Screwball

Wolff, Harald 1996. Geräusche und Film: Materialbezogene und darstellerische Aspekte eines Gestaltungsmittels. Frankfurt am Main u.a.

Wulff, Hans J. 2001. Screwball Comedies: Ein enzyklopädischer Artikel. http://www.rrz.uni-hamburg.de/Medien/berichte/arbeiten/0003_03.html


[Beispiele]
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