4.6 Analyse des Films „Die Purpurnen Flüsse“ unter sound- und musikästhetischen Gesichtspunkten


ein beitrag von Jochen m. randig

19.01.2005

 

Inhaltsangabe

Kommissar Niemanns (Jean Reno) wird nach Guernon, einem abgelegen Universitätsstädtchen in den französischen Alpen gerufen, wo eine verstümmelte Leiche gefunden wurde. Zusammen mit dem ortsansässigen Kollegen Kerkerian (Vincent Cassel) untersucht er den Mord, dem bald weitere folgen, alle im Umfeld der Universitätsführung. Im Verlauf seiner Ermittlungen lernt Niemanns die schöne, mysteriöse Fanny Ferreira kennen, die er bald mit den Morden in Verbindung bringen muss. Schließlich erschließt sich ein entsetzliches Komplott: Die kräftigen Kinder der Dorfbewohner wurden mit denen der Professoren vertauscht, um eine physisch – geistige Elite zu züchten. Als sich Fanny, selbst ein ausgetauschtes Kind, dass sich an den Hintermännern der Verschwörung rächt, durchschaut weiß, versucht sie die Universität durch eine Lawine zu zerstören. Es kommt zum großen Showdown auf einem Gletscher über der Stadt, in deren Verlauf Fanny stirbt.


Analyse der Filmmusik

Bruno Coulais komponierte den Soundtrack zu „Die purpurnen Flüsse“. Die gesamte Anfahrtssequenz Niemanns wird musikalisch von Antizipation, einem Ankündigungsmotiv begleitet. Auch hier bilden Bild und Ton eine Einheit: Während der Point of View immer näher an Niemanns Wagen auf der Landstrasse heranrückt, Niemanns selbst gleichfalls dem Tatort immer näher kommt, steigert sich die Musik, die das Leitmotiv aus dem Vorspann wieder aufnimmt, indem immer weitere Instrumente, zum Schluß kräftige Bläser, hinzukommen, bis zum Höhepunkt, der Ankunft Niemanns am Tatort.
Im weiteren Verlauf des Filmes arbeitet Coulais oft mit der Mood-Technique. Besonders zum Tragen kommt dies in der Szene, in der Niemanns die Universitätsbibliothek betritt. Hier herrscht tiefe Stille, bis auf seltenes Rascheln oder Flüstern ist kein atmosphärischer Sound wahrnehmbar. Die ruhige Musik, in der Streicher und synthetische Elemente von einem Glockenspiel überlagert werden und harmonisch getragen auf einen Höhepunkt zusteuern, zu welchem, wie in der Anfahrtssequenz, Bläser einsetzten, unterstreicht hier die Atmosphäre der stillen Geschäftigkeit und der Ehrwürdigkeit der Bibliothek als Kernstück der Universität.
Underscoring verwendet der Komponist zur musikalischen Begleitung des Showdowns in den Bergen. Der rhythmische, „brutale“ Einsatz von Streicher“salven“ verdeutlicht den psychologischen Zustand Fannys, sie ist zu allem entschlossen und hat nichts mehr zu verlieren. Eine Synthese bildend begleitet die schneller und lauter, aber auch unharmonischer und abstrakter werdende Musik den Kampf zwischen den Polizisten und Fanny und ihrer Doppelgängerin, der auf den Tod mindestens einer der Protagonisten hinauslaufen muss – das suggeriert die Musik durch Anstieg und Zunahme von Tempo und Lautstärke.
Spätestens beim Helikopterflug über die Gletscher bekommt die Musik eine persuasive Funktion: Die Interaktion von Musik und dem beeindruckenden Alpenpanorama lösen im Zuschauer ein Gefühl der Bewunderung und des Staunens aus. Diese ansprechende Synthese von Auditivem und Visuellem bildet eine affektive Kongruenz (vgl. Jeff Smith, 148).


Analyse des Sounddesign

Der Hubschraubersound am Ende der langen Anfahrts-Einstellung verklammert diese Szene mit der Nachfolgenden, in der Niemanns auf die Polizisten trifft, so geschickt, dass der Zuschauer den vorgenommenen Schnitt nicht wahrnimmt, seine Aufmerksamkeit ist in diesem Moment vom Visuellen auf das Akustische gelenkt. Dies wird unter anderem dadurch erreicht, dass es sich hierbei um einen typischen Offscreen Sound handelt, die Klangquelle nicht gezeigt wird, obgleich der Rezipient während der gesamten Anfahrtssequenz das Gefühl hat, selbst im Hubschrauber zu sitzen und auf Niemanns Wagen hinabzublicken. Außerdem wird durch den „In-the-wings-effect“ Aufmerksamkeit erzeugt: Der Hubschrauber, ohnehin nicht zu sehen, dreht nach oben ab. Durch die vorherige Einstellung, den Anflug auf die Felswand mit Wasserfall, verbunden mit der sich ändernden Frequenz des Rotors ist sich der Zuschauer dessen, was er nicht sieht, sicher. Da es seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht, wird hier von aktivem Offscreen Sound gesprochen.
Außerdem interessant an dieser Szene ist ein Wechsel des Point of Audition: Erst teilt der Zuschauer sowohl den Point of View als auch den Point of Audition mit Niemanns, der den Tatort betritt. In der darauffolgenden Einstellung nimmt der Rezipient Niemanns Ankunft aus einem anderen Blickwinkel wahr, und auch der Point of Audition ist ein Anderer: Man hört plötzlich aus einem anderen Winkel.
Topologisch ist die Szene in der Gletscherspalte, in welche sich der Kommissar und Fanny abseilen, außergewöhnlich. Als territorialer Sound prägt hier ein ständiges Plätschern und Tropfen die Umgebung, gleichzeitig bilden diese auch den atmosphärischer Sound. Durch die akustischen Spuren im Raum, Echo, und unterschiedliche Entfernung des Tropfens und des Widerhalls situiert sich der Zuschauer intuitiv im Raum. Dem monotonen Tropfen, den immer gleichen Geräuschen innerhalb des Gletschers entzieht der Zuschauer jedoch schnell seine Aufmerksamkeit, sie schaffen, nicht weiter hinterfragt, die akustische Geräuschkulisse, einen passiver Offscreen Sound. Übrigens ist wohl Wasser in fast allen Aggregatzuständen das Material, dass im Film am meisten klingt, als Regen in der Stadt, als Eis – hier ist das Eis das klingende Agens , während Niemanns und Fanny, die sich mit ihren Bergsteigerstiefeln abseilen, das handelnde Agens sind, und als Schnee, über den gegangen und gerannt wird und der sich schließlich in Form einer riesigen Lawine donnernd ins Tal wälzt. Während das Wasser im Gletscher von alleine hörbar ist, entsteht der Sound im Schnee nur durch Interaktion zwischen Agens und Objekt.
Ein typisches Beispiel für interne Sounds findet sich in der Szene, in der Kerkerian einen Unbekannten über die winterliche Rennbahn der Universität verfolgt. Die vorangehende Verfolgungsszene in der Stadt war geprägt von territorialem Sound, es regnete, Autos fuhren über die nassen Straßen usw. Als ob der Schnee auf dem Universitätssportplatz alle Geräusche der Umwelt schlucken würde, ist nur ein objektiver interner Sound, nämlich das Atmen des Unbekannten und Kerkerians neben ihren verhältnismäßig leisen Schritten im Schnee zu hören .
Klangbedeutung höherer Ordnung finden sich in einer Szene, in der Kerkerian mit zwei Polizisten die Mutter von Fanny in einem Kloster besucht, in welches diese nach dem vermeintlichen Tod ihrer Tochter eingetreten ist. Das mehrfache Klopfen an der Pforte wird eine Handlung, das Öffnen der Tür, nach sich ziehen. Dieses Signal ist gesellschaftlich definiert und wird universal verstanden, der Zuschauer weiß, was mit großer Wahrscheinlichkeit als nächstes passieren wird. Soundstereotyp für das Kloster ist der sakrale Gesang im passiven Offscreen, der hier außerdem als territorialer Sound dem Kloster eine würdevolle, stimmige Atmosphäre verleiht. Ein weiteres Stereotyp des Sounds sind die Türen, alle öffnen sich nur unter Knacken, Quietschen und fallen laut polternd wieder ins Schloss.
Ein Key Sound Niemanns’ ist das Hundegebell, dass auch schon kurz in der Anfahrtssequenz zu hören ist. Kommisar Niemanns hat panische Angst vor Hunden, gleich zu Beginn am Tatort, später in einer Klinik und in einem Zwinger, dessen Durchsuchung aufgrund seiner Phobie Kerkerian für Niemanns übernehmen muss, bellen und knurren Hunde.
Dem Metall kommt im Film al
s klingendes Material eine besonders negative Rolle zu, in dem scheinbar alles Schlechte anzutreffen ist oder zumindest in Verbindung damit steht. Unter Heranziehung von Chions „Materializing Sound Indices“ können hierbei verschieden Grade festgestellt werden. Während dem Rotor des Hubschraubers eine ahnungsvolle, drohende Funktion zukommt – ist er doch immer zu hören, bevor eine Leiche gefunden wird – ist bei dem sterilen, fast menschenverachtenden Klang der medizinischen Schere, mit der ein Arzt die Fesseln des zweiten Opfers durchtrennt, der Tod gegenwärtig. Lautstärke (siehe Einführung) und der Aufprall von Metall auf Metall lassen den Zuschauer den sehr baldigen Tod Niemanns erwarten, als dieser in seinem Wagen von einem der Verschwörer mit einem Baustellenfahrzeug gerammt wird und von einer Brücke geschoben werden soll. Und wiederum steht das Ächzen und „Weinen“ des langsam umstürzenden Schneepfluges in der Lawine eng verbunden mit dem vom Rezipienten befürchteten Tods der beiden Kommissare während des großen Finales auf dem Gletscher.


Vergleich der Anfahrtssequenz aus „Die purpurnen Flüsse“ mit dem Vorspann von „Beetlejuice“

Neuengland in den 80er Jahren: In die Villa der tödlich verunglückten Maidlands zieht die extravagante Familie Deetz. Deren morbide Tochter Lydia (Winona Ryder) freundet sich schnell mit dem verstorbenen Ehepaar an, die vom unangehmen Poltergeist „Beetlejuice“(Michael Keaton) belästigt werden. Die Deetz’s wittern Gewinn und wollen das Haus als paranormalen Vergnügungspark verkaufen, wogegen Lydia und die Maidlands letztlich mithilfe „Beetlejuice“ vorgehen.
Tim Burtons Gruselkomödie von 1988 greift alle gängigen Klischees aus bis dahin gedrehten Poltergeist-, Spukhaus- und Exorzistenfilmen auf und gibt sie, reichlich überspitzt, wieder. Dies gilt auch für die Musik von Danny Elfmann, zugleich Parodie als auch Hommage an die massiven, geigenlastigen Soundtracks früherer und frühester Filme. Allein das Opening-Theme weist alle Klischees des Gruselfilm, gepaart mit denen der Komödie auf: „Geisterchöre“, eine Orgel und quietschende Geigen wie in Mussorgskys „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ vereinen sich zu einem temporeichen, fesselnden, gleichzeitig vulgär infernalen „Dance fatal“. Parallel zu Coulais musikalischer Untermalung der Anfangssequenz der „purpurnen Flüsse“ gilt die gesamte Aufmerksamkeit des Zuschauers der Musik, so er auch hier manche Schnitte und Blenden kaum bemerkt, wie den Schnitt vom realen Hubschrauberflug über Winter River hin zur Kamerafahrt über das Modell der Stadt auf dem Dachboden der Maidlands.
Allein durch die Musik erhalten die Anfangssequenzen von „Beetlejuice“ und „Die purpurnen Flüsse“ ihre äußerst unterschiedliche Färbung – Obwohl sich die Bilder sehr ähnlich sind. Während die ruhige, subtil steigende Filmmusik in „Die purpurnen Flüsse“ den kino- und filmerprobten Zuschauer einen Psychothriller erwarten lässt, ebnet Danny Elfmanns Opening-Theme einen furiosen Beginn zu beschaulichen Bildern der neuenglischen Provinz. Dieser Kontrast (ein Stilmittel des Comedysound) lässt den Zuschauer bereits ahnen, dass dort etwas nicht mit rechten Dingen zugeht und stimmt ihn auf eine Gruselkomödie ein.

Aus diesem Vergleich zweier visuell ähnlichen, aber akustisch sehr unterschiedlichen Eröffnungssequenzen zeigt sich, das im Horrorgenre oft mit Subtilität gearbeitet wird. Feine Zwischentöne, dezente Musik, das Unterschwellige, kaum Hörbare bestimmt den Filmsound und erzeugt eine Atmosphäre des Angedeuteten, Undurchsichtigen. Der Rezipient wird auf Grusel eingestimmt. Dagegen wird bei Action- und Verfolgungsszene Sound und Musik eingesetzt, um Schockmomente zu kreieren. Vom Rezipient gefürchtet, aber erwartet bilden diese Schockmomente Kernstücke des klassischen Horrorfilms, der Schrecken im Bild wird durch plötzlichen Kontrast zum Bisherigen akustisch und musikalisch unterstützt. Hierbei kommt besonders der Musik eine tragende Rolle zu, ist doch vielen Szenen bei abgeschaltetem Ton der Schrecken genommen.
In wohl keinem anderen Genre kommt Sound und Musik eine so tragende Rolle zu wie im Horror- und Gruselfilm. Ohne Sound und Musik ist es dem Horrorfilm kaum möglich, Emotionen wie Schrecken und Angst beim Publikum zu evozieren.


Literatur:

Flückiger, Barbara 2002. Sound design: die virutelle Klangwelt des Films. 2. Aufl. Marburg.

Raschke, Susanne 1996. Horror-Videos: die Faszination Jugendlicher am Grauen. Alfeld/Leine.

Türschmann, Jörg 1994. Film - Musik – Filmbeschreibung: zur Grundlegung einer Filmsemiotik in der Wahrnehmung von Geräusch und Musik. Münster.

Winter, Rainer 1995. Der produktive Zuschauer: Medienaneignung als kultureller und ästhetischer Prozeß. München.

 

Film:

Kassovitz, Mathieu (Regie): Die purpurnen Flüsse. Frankreich 2002. Musik: Bruno Coulais.

 

[Beispiel1]

[Beispiel2]

[hoch]