4.7 Die Anfänge des Tonzeichentrickfilmes


ein beitrag von Aniko Augustin

23.01.2005

 

Im Jahre 1927 begannen Walt Disney und sein Partner Ubbe Iwerks an einem neuen Zeichentrickfilmcharakter zu arbeiten, eine menschenähnliche Maus genannt Mickey.
Am 23. Oktober 1927 veröffentlichte Warner Brothers „The Jazz Singers“, welche zugleich wie eine Bombe in der Filmindustrie einschlug: der Tonfilm war geboren.

Steamboatwillie,
die Geburt von Mickey Mouse


Andere Filmemacher, einschließlich Disney, wurden nun mit einer neuen überwältigenden Technologie konfrontiert: dem Klang (Sound). Da Walt Disney mit seinen ersten beiden Stummfilmen keinen kommerziellen Vertrieb fand, glaubte er fest daran dass die Zukunft im Tonfilm lag. Sofort beschlagnahmte Walt Disney diese neue Erfindung für seine Mickey Mouse, im Gegensatz vieler anderer großer Studios, die sich damit noch sehr schwer taten. Die Studios und Theaterinhaber reagierten mit geteilter Meinung auf den Ton, aber die Stimmen der Öffentlichkeit zeigten: Tonfilme werden in Zukunft großen Erfolg haben. Während viele Produzenten die Vermarktung der Vorzüge des Umwandelns in vertonte Produktionen debattierten, sah Disney seine Chance, etwas Einzigartiges zur erschaffen: einen komplett vertonten Zeichentrickfilm, in dem Musik, Effekte und Handlungen synchronisiert waren. Walt Disney war von Anfang an ein Perfektionist, es folgte eine schwierige Experimentierphase bis dann endlich die Tonspur mit einem 17 Mann starken Orchester, zusätzlich bewaffnet mit Kuhglocken, Pfeifen und Bratpfannen, unter Dach und Fach war. Die Aufnahmen fanden im Studio von Pat Powers statt und Carl Stalling, der sich später zum erfolgreichsten Zeichentrickfilmkomponisten der 30er Jahre entwickelte, komponierte die Musik zu „Steamboat Willie“ und Walt Disney erschuf den weltweiten ersten animierten, vertonten Zeichentrickfilm. Der Zeichentrickfilm „Steamboat Willie“ hatte am 18 November 1928 im renommierten Reichenbach Colony Theatre in New York Premiere und bedeutete zugleich die Geburtsstunde einer Legende. Ein alter Vaudeville Song namens „Steamboat Bill“ hatten Walt und sein Team zu dem Filmtitel „Steamboat Willie“ inspiriert. . Für den enormen Arbeitsaufwand entstandenen Zeichentrickfilm waren über mehrere tausende Einzelzeichnungen nötig.
Mickey verkörperte einen Zeichentrickfilmcharakter, welcher eine eigenständige Persönlichkeit darstellte, und eine konkrete Eigenschaft unterschied diese kleine Zeichentrickmaus von allen anderen Figuren, er besaß eine Stimme! Während der Produktion von „Steamboat Willie“ ließ Walt Disney viele Schauspieler für Mickeys Stimme vorsprechen. Walt Disney wusste damals genau wie Mickey klingen sollte, doch keiner der Schauspieler entsprach seinen Vorstellungen. So sprach Walt Disney selbst bei der Vertonung des Filmes und blieb weitere 20 Jahre die Stimme von Mickey. Anfangs war sie so kräftig, dass bei den ersten Tonaufnahmen die Glasröhren im Verstärker platzten, aber je älter Mickey wurde, umso höher klang seine Stimme.
Die renommierte New York Times schrieb im Jahre 1929: „Steamboat Willie ist eine einfallsreiche Arbeit, die viel Spaß bietet. Er knurrt, jault, quietscht und bietet verschiedene andere Geräusche, die zu erheiternder Wirkung beitragen.“
Bei der Story wurde von Anfang an Rücksicht auf die Möglichkeiten des Tonfilmes genommen. Unter abenteuerlichen Bedingungen nahm Disney den Soundtrack zu „Steamboat Willie“ auf und erst bei einem zweiten Aufnahmetermin gelang es ihm das Orchester davon zu überzeugen nicht zu schön und synchron zu spielen.
Eine Testvorführung wurde für den dritten Mickey Mouse Zeichentrickfilm „Steamboat Willie“ vorbereitet. Disney erklärte später „Als die Zeichnungen halb fertig waren, planten wir eine Vorführung mit Ton. „Ein paar der Jungs konnten Noten lesen und einer konnte Mundharmonika spielen“. ( Leonard Maltin 1990, S.34-35)
„Wir setzen sie alle zusammen in einen Raum hinein, wo sie den Bildschirm nicht sehen konnten und baten sie ihre erzeugten Töne aus dem Raum hinaus zu spielen, wo unsere Frauen und Freunde saßen, und sich den Film anschauten.“( Leonard Maltin 1990, S.34-35).
Die Jungs arbeiteten sich von einem Blatt zum anderen, dabei begleitet von Musik und Klangeffekten. Nach mehreren Misserfolgen begannen Klang und Handlung gleichzeitig mit dem Startschuss reibungslos über die Bühne zu gehen. Der Mundharmonikaspieler spielte seinen Teil der Melodie und der Rest von der Ton Abteilung schlug auf Zinn Blechdosen und blies Zugpfeifen zum Takt. Diese kam der Synchronisation schon sehr nahe.
„Die Auswirkung auf unser kleines Publikum war nicht weniger elektrisierend. Sie reagierten fast instinktiv auf diese Einheit von Ton und Bewegung. Ich dachte sie veräppeln mich. So mischte ich mich unters Publikum und schaute mir die Bewegungen nochmals an. Es war furchtbar, aber es war wundervoll. Und es war etwas ganz Neues“. (Leonard Maltin 1990, S.34-35)


Die genauen Angaben von dieser historischen Testvorführung variierten von einer Darstellung zur anderen aber es hatte auf jeden Teilnehmer die gleiche Wirkung. Ubbe Iwerks sagte später: „Ich war noch nie in meinem Leben so begeistert. Nichts seitdem ist ebenbürtig“. Die kleine Disney Mannschaft , welche aus Walt, Roy, Ubbe, Les Clark, Jonny Cannon und Hobbymusiker Wilfred Jackson bestand, haben das Wunder der vertonten Bilder entdeckt. Der Erfolg und die Begeisterung des öffentlichen Publikums bestätigte die Aufregung der privaten Vorführung der frühen Monate. Die Idee, dass Zeichentrickfilmcharaktere sprechen können, Instrumente spielen, und sich nach einem musikalischen Takt bewegen, wurde als kleines Wunder angesehen.

The Skeleton Dance

Im August 1929 veröffentlichte Disney „The Skeleton Dance“, einer der ersten Zeichentrickfilme aus der Reihe der „Silly Symphonies“. Der Film war in dieser Zeit sehr ungewöhnlich, da es keine bekannten Charaktere gab, er enthielt keine Story oder witzige Einfälle, aber dafür wurden stimmungstragende Elemente in die Handlung eingeflochten. Zwei Jahre später gab es in „Delivery Boy“ und „Barnyard Broadcast“ ein anderes Konzept, hier spielte allein die Musik das Hauptstück und die witzigen Einfälle wurden so miteinander verknüpft, dass schließlich die Handlung des Filmes sich zu einem Höhepunkt entwickelt. Im Juli 1932 wechselte Disney von schwarz-weiß Zeichnungen zum ersten farbigen Zeichentrickfilm „Flower and Trees“. Für den ersten abendfüllenden Trickfilm wählte er schließlich 1937 das Märchen „Snow white and 7 dwarfs“, zweitens „Pinocchio“ und drittens im Jahre 1940 „Fantasia“, welcher 8 herausragende klassische Musikkompositionen enthielt.
Im Jahre 1932 notierte der herausragende Kritiker Gilbert Seldes: „Die große Zufriedenheit in den ersten animierten Zeichentrickfilmen ist dass sie die Töne regelrecht einsetzen, die Töne die genauso unecht erscheinen wie die Bewegungen selbst, unser Auge und unser Ohr stehen nicht im Krieg miteinander sondern dass eine beobachtet die Fantasie und das andere die Wirklichkeit“ ( Leonard Maltin 1990, S.34-35).

Der Begriff des Mickey Mousing wird seitdem mit den Disney Studios in Verbindung gebracht, worunter man zunächst eine Technik versteht, bei der exakte Synchronität von Bild und Musik gewährleistest sein muss. Auch die deskriptive Technik oder das Underscoring bedeutete in der Zeit des Stummfilmes die tonmalerische und klanglich nachahmende Vorgangsweise des äußeren Leinwandgeschehens durch natürliche Assoziation musikalischer Symbole und Zitate. Ausführlich bezeichnet es im Hollywoodjargon, die auf Sekundenbruchteile exakt kalkulierte Synchronität zwischen Musik und Bild, die vor allem im Animationsfilm der frühen dreißiger Jahre anzutreffen ist. Walt Disney hat dies in seinen ersten Tonzeichentrickfilmen angewendet. Einzelne stimmungstragende Elemente werden in einer Szene noch zusätzlich durch die Musik hervorgehoben um dem Zuschauer vorzugeben, wann und wo er was zu fühlen hat.
Beim Mickey Mousing orientiert sich die Raumausrichtung der Musik nicht an den Positionen der Instrumente im Orchester, sondern an den Bewegungen der Figuren auf der Leinwand. Über die Synchronisation stellt das Mickey Mousing einen Grundbezug zwischen visueller und auditiver Repräsentation her. Eine ähnliche Richtung falscher oder zumindest eigenwilliger Geräusche beschreibt der On Screen Sound von Animationsfilmen, die Klangquelle befindet sich direkt im Bild und gehört zu der dargestellten Realität.
Zum Beispiel: Während die Comicfigur einen Berg hinaufächzt, klettert auch die Musik bei immer schleppendem Tempo in die Höhe; stürzt die Figur einen Abhang herunter fällt auch die Musik in langem Bogen herab, den Aufprall begleitet ein so genannter Tusch.
Am Steuer des Dampfschiffes „Willie“ tanzte und pfiff ein frecher Mäuserich in kurzen Hosen. Damals war Mickey noch nicht so brav und anständig wie in späteren Disney Produktionen, in „Steamboat Willie“ präsentiert er sich als fröhlicher Tierquäler. Von harmloser Geigenmusik begleitet missbraucht er wehrlose Tiere als Musikinstrumente, ein Ziegenbock dient als Leierkasten, das Gebiss einer Kuh gerät zum Xylophon und die Euter eines Mutterschweins benutzt der Mäuserich als Klaviertastatur. Die berühmteste Szene zeigt Mickey und Minnie, wie sie Tiere als Musikinstrumente benutzen, Mickey spielt auf den Schwanz einer Katze wie auf einer Geige.
Man kann beobachten, dass die Filmmusik größtenteils durch die Bewegungen angeregt wird, die auf der Filmleinwand erscheinen: wir erkennen eine Vielzahl von Tieren als Instrumente, die während des gesamten Filmes "gespielt" werden und wir hören folglich die Geräusche, die diese Tiere von sich geben. Zum Beispiel wenn Mickey die Katze schleudert, ertönt ein unnatürliches, verzerrtes Miauen oder wenn er die Ente als Dudelsack oder Kontrabass benutzt, hören wir den für uns typischen Entenlaut. Die Materialität der Figuren wird ganz allein durch die ungewöhnlichen Geräusche der Tiere, der Gegenstände (z.B. der Schornstein und die Zugpfeifen auf dem Dach), die Mickey benutzt, erzeugt. Es fehlte damals jeglicher Atmosphären Sound , wie das Rauschen des Wassers, das Fahren des Dampfschiffes, man hört kein Knallen der Türen, keine Laufgeräusche nur die Musik (Geräusche) die Mickey, die Tiere, Minnie und Black Pete in Ihren Bewegungen erzeugen. Man erkennt auch größtenteils keine Unterscheidung in der Benutzung der Geräusche (z.B. das, unnatürliche Mauzen und Jaulen der Katze, das übertriebene Quieken der Ferkel und gleichzeitige Verwendung beim Anlegen des Dampfschiffes). Für uns klingt das Ganze, bei der heutigen vorhandenen Technologie, sehr schief, unnatürlich und überhaupt nicht synchron, was wir nur mit einem Zeichentrickfilm identifizieren würden. Das Underscoring, als Form der musikalischen Bilduntermalung im Film, gipfelte in der Mickey Mousing Technik.
Im Jahre 1928 war die feste Synchronisation eine Neuheit, die stark vermarktet wurde, so dass es kein Wunder war, dass der Sound so dicht mit den Filmbildern verbunden wurde. Dennoch verschwand sehr schnell der Reiz des Neuen und der Begriff Mickey Mousing gewann mit der Zeit an negativer Bedeutung.


Fantasia

Im Jahre 1940 veröffentlichte Walt Disney ein weiteres Meisterwerk, anstelle einer gewohnt linearen Erzählung bietet „Fantasia“ dem Kinogänger ein Konzert mit acht weniger oder mehr bekannten Werken klassischer Komponisten, die mit Zeichentrickanimationen verbunden werden. Seit Ende der 20er Jahre ließ Walt Disney in seinen „Silly Symphonies“ Bewegungen auf der Leinwand synchron zur Filmmusik laufen, daher gilt „Fantasia“ als der technische Höhepunkt dieser Entwicklung. Die Rahmenhandlung des Films bildet ein Konzert des Philadelphia Orchestra unter der Leitung des Dirigenten Leopold Stokowski, dessen starker Einbindung in das Projekt es übrigens zu verdanken ist, das zum ersten Mal in der Filmgeschichte mit Stereoeffekten gearbeitet wurde. So gegensätzlich wie die ausgewählten Musikstücke sind auch die visuellen Umsetzungen: Einerseits untermalen abstrakte Bewegungen und Formen Bachs "Toccata und Fuge in D-Moll". Andererseits torkeln naiv kitschige Figuren aus dem konventionellen Disney Zitatenschatz zu Beethovens "Pastorale" über die Leinwand.

Walt Disney hat den Zeichentrickfilm zwar nicht erfunden aber den Einfluss, den er auf die Entwicklung von animierten Zeichentrickfilmen hatte, war von enormer Bedeutung für die Weiterentwicklung der Branche der nächsten Jahre. Disneys Neuerungen und perfekte Ideen, sowie neue Techniken führten zu drastischen Änderungen beim Ablauf von Zeichentrickfilmproduktionen und definierten diese neu. Manche sind schlichtweg einfach, dagegen andere fantastisch aufwendig.
Im Jahre 1940 verkündete Disney:
„Die Spanne von 12 Jahren Arbeit zwischen „Steamboat Willie“ und „Fantasia“, ist der Übergang von einfachen zu modernen animierten Bildern“. Kein Genie hat diese Brücke gebaut, sondern es wurde von harter Arbeit und großer Schaffensfreude, das Ergebnis stets vor Augen, das Vertrauen in seine Zukunft, und darüber hinaus von einem dauerhaften Tageswachstum geschaffen wo wir einfach alle unser Handwerk studieren und lernen“. (Leonard Maltin 1990, S.30)


Literatur:

Maltin, Leonard 1990. Of Mice and Magic: a History of American Animated Cartoon. New York, Plume 1987

Furniss Maureen 1998. Art in Motion: Animation Aesthetics. London

Lenburg, Jeff 1999.The Encyclopaedia of Animated Cartoons. New York


Weiterführende Links:

www.filmsound.org

www.disney.com

www.wikipedia.de


Film:

Disney, Walt (Regie): Steamboat Willie. USA 1928. Sounddesign/Filmmusik: Carl Stalling

 

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