Im Jahre 1927 begannen Walt Disney und sein Partner
Ubbe Iwerks an einem neuen Zeichentrickfilmcharakter zu arbeiten, eine
menschenähnliche Maus genannt Mickey.
Am 23. Oktober 1927 veröffentlichte Warner Brothers „The Jazz
Singers“, welche zugleich wie eine Bombe in der Filmindustrie einschlug:
der Tonfilm war geboren. 
Steamboatwillie,
die Geburt von Mickey Mouse
Andere Filmemacher, einschließlich Disney, wurden nun mit einer
neuen überwältigenden Technologie konfrontiert: dem Klang (Sound).
Da Walt Disney mit seinen ersten beiden Stummfilmen keinen kommerziellen
Vertrieb fand, glaubte er fest daran dass die Zukunft im Tonfilm lag.
Sofort beschlagnahmte Walt Disney diese neue Erfindung für seine
Mickey Mouse, im Gegensatz vieler anderer großer Studios, die sich
damit noch sehr schwer taten. Die Studios und Theaterinhaber reagierten
mit geteilter Meinung auf den Ton, aber die Stimmen der Öffentlichkeit
zeigten: Tonfilme werden in Zukunft großen Erfolg haben. Während
viele Produzenten die Vermarktung der Vorzüge des Umwandelns in vertonte
Produktionen debattierten, sah Disney seine Chance, etwas Einzigartiges
zur erschaffen: einen komplett vertonten Zeichentrickfilm, in dem Musik,
Effekte und Handlungen synchronisiert waren. Walt Disney war von Anfang
an ein Perfektionist, es folgte eine schwierige Experimentierphase bis
dann endlich die Tonspur mit einem 17 Mann starken Orchester, zusätzlich
bewaffnet mit Kuhglocken, Pfeifen und Bratpfannen, unter Dach und Fach
war. Die Aufnahmen fanden im Studio von Pat Powers statt und Carl Stalling,
der sich später zum erfolgreichsten Zeichentrickfilmkomponisten der
30er Jahre entwickelte, komponierte die Musik zu „Steamboat Willie“
und Walt Disney erschuf den weltweiten ersten animierten, vertonten Zeichentrickfilm.
Der Zeichentrickfilm „Steamboat Willie“ hatte am 18 November
1928 im renommierten Reichenbach Colony Theatre in New York Premiere und
bedeutete zugleich die Geburtsstunde einer Legende. Ein alter Vaudeville
Song namens „Steamboat Bill“ hatten Walt und sein Team zu
dem Filmtitel „Steamboat Willie“ inspiriert. .
Für den enormen Arbeitsaufwand entstandenen Zeichentrickfilm waren
über mehrere tausende Einzelzeichnungen nötig.
Mickey verkörperte einen Zeichentrickfilmcharakter, welcher eine
eigenständige Persönlichkeit darstellte, und eine konkrete Eigenschaft
unterschied diese kleine Zeichentrickmaus von allen anderen Figuren, er
besaß eine Stimme! Während der Produktion von „Steamboat
Willie“ ließ Walt Disney viele Schauspieler für Mickeys
Stimme vorsprechen. Walt Disney wusste damals genau wie Mickey klingen
sollte, doch keiner der Schauspieler entsprach seinen Vorstellungen. So
sprach Walt Disney selbst bei der Vertonung des Filmes und blieb weitere
20 Jahre die Stimme von Mickey. Anfangs war sie so kräftig, dass
bei den ersten Tonaufnahmen die Glasröhren im Verstärker platzten,
aber je älter Mickey wurde, umso höher klang seine Stimme.
Die renommierte New York Times schrieb im Jahre 1929: „Steamboat
Willie ist eine einfallsreiche Arbeit, die viel Spaß bietet. Er
knurrt, jault, quietscht und bietet verschiedene andere Geräusche,
die zu erheiternder Wirkung beitragen.“
Bei der Story wurde von Anfang an Rücksicht auf die Möglichkeiten
des Tonfilmes genommen. Unter abenteuerlichen Bedingungen nahm Disney
den Soundtrack zu „Steamboat Willie“ auf und erst bei einem
zweiten Aufnahmetermin gelang es ihm das Orchester davon zu überzeugen
nicht zu schön und synchron zu spielen.
Eine Testvorführung wurde für den dritten Mickey Mouse Zeichentrickfilm
„Steamboat Willie“ vorbereitet. Disney erklärte später
„Als die Zeichnungen halb fertig waren, planten wir eine Vorführung
mit Ton. „Ein paar der Jungs konnten Noten lesen und einer konnte
Mundharmonika spielen“. ( Leonard Maltin 1990, S.34-35)
„Wir setzen sie alle zusammen in einen Raum hinein, wo sie den Bildschirm
nicht sehen konnten und baten sie ihre erzeugten Töne aus dem Raum
hinaus zu spielen, wo unsere Frauen und Freunde saßen, und sich
den Film anschauten.“( Leonard Maltin 1990, S.34-35).
Die Jungs arbeiteten sich von einem Blatt zum anderen, dabei begleitet
von Musik und Klangeffekten. Nach mehreren Misserfolgen begannen Klang
und Handlung gleichzeitig mit dem Startschuss reibungslos über die
Bühne zu gehen. Der Mundharmonikaspieler spielte seinen Teil der
Melodie und der Rest von der Ton Abteilung schlug auf Zinn Blechdosen
und blies Zugpfeifen zum Takt. Diese kam der Synchronisation schon sehr
nahe.
„Die Auswirkung auf unser kleines Publikum war nicht weniger elektrisierend.
Sie reagierten fast instinktiv auf diese Einheit von Ton und Bewegung.
Ich dachte sie veräppeln mich. So mischte ich mich unters Publikum
und schaute mir die Bewegungen nochmals an. Es war furchtbar, aber es
war wundervoll. Und es war etwas ganz Neues“. (Leonard Maltin 1990,
S.34-35)
Die genauen Angaben von dieser historischen Testvorführung variierten
von einer Darstellung zur anderen aber es hatte auf jeden Teilnehmer die
gleiche Wirkung. Ubbe Iwerks sagte später: „Ich war noch nie
in meinem Leben so begeistert. Nichts seitdem ist ebenbürtig“.
Die kleine Disney Mannschaft , welche aus Walt, Roy, Ubbe, Les Clark,
Jonny Cannon und Hobbymusiker Wilfred Jackson bestand, haben das Wunder
der vertonten Bilder entdeckt. Der Erfolg und die Begeisterung des öffentlichen
Publikums bestätigte die Aufregung der privaten Vorführung der
frühen Monate. Die Idee, dass Zeichentrickfilmcharaktere sprechen
können, Instrumente spielen, und sich nach einem musikalischen Takt
bewegen, wurde als kleines Wunder angesehen.
The Skeleton Dance
Im
August 1929 veröffentlichte Disney „The Skeleton Dance“,
einer der ersten Zeichentrickfilme aus der Reihe der „Silly Symphonies“.
Der Film war in dieser Zeit sehr ungewöhnlich, da es keine bekannten
Charaktere gab, er enthielt keine Story oder witzige Einfälle, aber
dafür wurden stimmungstragende Elemente in die Handlung eingeflochten.
Zwei Jahre später gab es in „Delivery Boy“ und „Barnyard
Broadcast“ ein anderes Konzept, hier spielte allein die Musik das
Hauptstück und die witzigen Einfälle wurden so miteinander verknüpft,
dass schließlich die Handlung des Filmes sich zu einem Höhepunkt
entwickelt. Im Juli 1932 wechselte Disney von schwarz-weiß Zeichnungen
zum ersten farbigen Zeichentrickfilm „Flower and Trees“. Für
den ersten abendfüllenden Trickfilm wählte er schließlich
1937 das Märchen „Snow white and 7 dwarfs“, zweitens
„Pinocchio“ und drittens im Jahre 1940 „Fantasia“,
welcher 8 herausragende klassische Musikkompositionen enthielt.
Im Jahre 1932 notierte der herausragende Kritiker Gilbert Seldes: „Die
große Zufriedenheit in den ersten animierten Zeichentrickfilmen
ist dass sie die Töne regelrecht einsetzen, die Töne die genauso
unecht erscheinen wie die Bewegungen selbst, unser Auge und unser Ohr
stehen nicht im Krieg miteinander sondern dass eine beobachtet die Fantasie
und das andere die Wirklichkeit“ ( Leonard Maltin 1990, S.34-35).
Der Begriff des Mickey
Mousing wird seitdem mit den Disney Studios in Verbindung gebracht,
worunter man zunächst eine Technik versteht, bei der exakte Synchronität
von Bild und Musik gewährleistest sein muss. Auch die deskriptive
Technik oder das Underscoring
bedeutete in der Zeit des Stummfilmes die tonmalerische und klanglich
nachahmende Vorgangsweise des äußeren Leinwandgeschehens durch
natürliche Assoziation musikalischer Symbole und Zitate. Ausführlich
bezeichnet es im Hollywoodjargon, die auf Sekundenbruchteile exakt kalkulierte
Synchronität zwischen Musik und Bild, die vor allem im Animationsfilm
der frühen dreißiger Jahre anzutreffen ist. Walt Disney hat
dies in seinen ersten Tonzeichentrickfilmen angewendet. Einzelne stimmungstragende
Elemente werden in einer Szene noch zusätzlich durch die Musik hervorgehoben
um dem Zuschauer vorzugeben, wann und wo er was zu fühlen hat.
Beim Mickey Mousing orientiert sich die Raumausrichtung der Musik nicht
an den Positionen der Instrumente im Orchester, sondern an den Bewegungen
der Figuren auf der Leinwand. Über die Synchronisation stellt das
Mickey Mousing einen Grundbezug zwischen visueller und auditiver Repräsentation
her. Eine ähnliche Richtung falscher oder zumindest eigenwilliger
Geräusche beschreibt der On
Screen Sound von Animationsfilmen, die Klangquelle befindet sich direkt
im Bild und gehört zu der dargestellten Realität.
Zum Beispiel: Während die Comicfigur einen Berg hinaufächzt,
klettert auch die Musik bei immer schleppendem Tempo in die Höhe;
stürzt die Figur einen Abhang herunter fällt auch die Musik
in langem Bogen herab, den Aufprall begleitet ein so genannter Tusch.
Am Steuer des Dampfschiffes „Willie“ tanzte und pfiff ein
frecher Mäuserich in kurzen Hosen. Damals war Mickey noch nicht so
brav und anständig wie in späteren Disney Produktionen, in „Steamboat
Willie“ präsentiert er sich als fröhlicher Tierquäler.
Von harmloser Geigenmusik begleitet missbraucht er wehrlose Tiere als
Musikinstrumente, ein Ziegenbock dient als Leierkasten, das Gebiss einer
Kuh gerät zum Xylophon und die Euter eines Mutterschweins benutzt
der Mäuserich als Klaviertastatur. Die berühmteste Szene zeigt
Mickey und Minnie, wie sie Tiere als Musikinstrumente benutzen, Mickey
spielt auf den Schwanz einer Katze wie auf einer Geige.
Man kann beobachten, dass die Filmmusik größtenteils durch
die Bewegungen angeregt wird, die auf der Filmleinwand erscheinen: wir
erkennen eine Vielzahl von Tieren als Instrumente, die während des
gesamten Filmes "gespielt" werden und wir hören folglich
die Geräusche, die diese Tiere von sich geben. Zum Beispiel wenn
Mickey die Katze schleudert, ertönt ein unnatürliches, verzerrtes
Miauen oder wenn er die Ente als Dudelsack oder Kontrabass benutzt, hören
wir den für uns typischen Entenlaut. Die Materialität der Figuren
wird ganz allein durch die ungewöhnlichen Geräusche der Tiere,
der Gegenstände (z.B. der Schornstein und die Zugpfeifen auf dem
Dach), die Mickey benutzt, erzeugt. Es fehlte damals jeglicher Atmosphären
Sound , wie das Rauschen des
Wassers, das Fahren des Dampfschiffes, man hört kein Knallen der
Türen, keine Laufgeräusche nur die Musik (Geräusche) die
Mickey, die Tiere, Minnie und Black Pete in Ihren Bewegungen erzeugen.
Man erkennt auch größtenteils keine Unterscheidung in der Benutzung
der Geräusche (z.B. das, unnatürliche Mauzen und Jaulen der
Katze, das übertriebene Quieken der Ferkel und
gleichzeitige Verwendung beim Anlegen des Dampfschiffes). Für uns
klingt das Ganze, bei der heutigen vorhandenen Technologie, sehr schief,
unnatürlich und überhaupt nicht synchron, was wir nur mit einem
Zeichentrickfilm identifizieren würden. Das Underscoring, als Form
der musikalischen Bilduntermalung im Film, gipfelte in der Mickey Mousing
Technik.
Im Jahre 1928 war die feste Synchronisation eine Neuheit, die stark vermarktet
wurde, so dass es kein Wunder war, dass der Sound so dicht mit den Filmbildern
verbunden wurde. Dennoch verschwand sehr schnell der Reiz des Neuen und
der Begriff Mickey Mousing gewann mit der Zeit an negativer Bedeutung.
Fantasia
Im Jahre 1940 veröffentlichte Walt Disney ein weiteres Meisterwerk,
anstelle einer gewohnt linearen Erzählung bietet „Fantasia“
dem Kinogänger ein Konzert mit acht weniger oder mehr bekannten Werken
klassischer Komponisten, die mit Zeichentrickanimationen verbunden werden.
Seit Ende der 20er Jahre ließ Walt Disney in seinen „Silly
Symphonies“ Bewegungen auf der Leinwand synchron zur Filmmusik laufen,
daher gilt „Fantasia“ als der technische Höhepunkt dieser
Entwicklung. Die Rahmenhandlung des Films bildet ein Konzert des Philadelphia
Orchestra unter der Leitung des Dirigenten Leopold Stokowski, dessen starker
Einbindung in das Projekt es übrigens zu verdanken ist, das zum ersten
Mal in der Filmgeschichte mit Stereoeffekten gearbeitet wurde. So gegensätzlich
wie die ausgewählten Musikstücke sind auch die visuellen Umsetzungen:
Einerseits untermalen abstrakte Bewegungen und Formen Bachs "Toccata
und Fuge in D-Moll". Andererseits torkeln naiv kitschige Figuren
aus dem konventionellen Disney Zitatenschatz zu Beethovens "Pastorale"
über die Leinwand.
Walt Disney hat den Zeichentrickfilm zwar nicht erfunden
aber den Einfluss, den er auf die Entwicklung von animierten Zeichentrickfilmen
hatte, war von enormer Bedeutung für die Weiterentwicklung der Branche
der nächsten Jahre. Disneys Neuerungen und perfekte Ideen, sowie
neue Techniken führten zu drastischen Änderungen beim Ablauf
von Zeichentrickfilmproduktionen und definierten diese neu. Manche sind
schlichtweg einfach, dagegen andere fantastisch aufwendig.
Im Jahre 1940 verkündete Disney:
„Die Spanne von 12 Jahren Arbeit zwischen „Steamboat Willie“
und „Fantasia“, ist der Übergang von einfachen zu modernen
animierten Bildern“. Kein Genie hat diese Brücke gebaut, sondern
es wurde von harter Arbeit und großer Schaffensfreude, das Ergebnis
stets vor Augen, das Vertrauen in seine Zukunft, und darüber hinaus
von einem dauerhaften Tageswachstum geschaffen wo wir einfach alle unser
Handwerk studieren und lernen“. (Leonard Maltin 1990, S.30)
Literatur:
Maltin, Leonard 1990. Of Mice and Magic: a History
of American Animated Cartoon. New York, Plume 1987
Furniss Maureen 1998. Art in Motion: Animation Aesthetics.
London
Lenburg, Jeff 1999.The Encyclopaedia of Animated Cartoons.
New York
Weiterführende Links:
www.filmsound.org
www.disney.com
www.wikipedia.de
Film:
Disney, Walt (Regie): Steamboat Willie. USA 1928.
Sounddesign/Filmmusik: Carl Stalling
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