In dem Animationsfilm „Der König der Löwen“
geht es um den kleinen Löwen Simba, dessen böser Onkel ihm
den Mord an seinem Vater, dem König Mufasa, in die Schuhe schiebt.
Daraufhin muss Simba das „geweihte Land“, sein Zuhause,
verlassen und eine abenteuerliche Reise der Selbstfindung beginnt. Erst
als Erwachsener kehrt er zurück, um seinen rechtmäßigen
Platz als König zurück zu erobern.
In diesem Trickfilm spielt die Filmmusik eine übergeordnete Rolle,
weshalb sie auch im Zentrum meines Essays steht.
Die Anfangssequenz
Der Film wird durch einen ungewöhnlichen
"Ruf" und afrikanischen Stammesgesang eröffnet. Dies
ist dem südafrikanischen Sänger und Songwriter Lebo M zu verdanken,
welcher, zusammen mit einem afrikanischen Chor, für die afrikanischen
musikalischen Einflüsse des gesamten Films verantwortlich ist.
Dieser
spezifische, territoriale
Sound etabliert sofort das Setting
Afrika. Außerdem wird der Sonnenaufgang musikalisch durch Undersoring
unterstrichen. Die Musik und das Bild verleihen dem Film somit von Anfang
an eine besondere landschaftliche Atmosphäre.
Noch bevor der Titel erscheint, gehen die afrikanischen Klänge
beinahe nahtlos in den kraftvollen, emotionsgeladenen Song „The
Circle of Life“ (Musik: Elton John, Text: Tim Rice, Produzent:
Marc Mancina) über, welcher das Hauptthema des Trickfilms einleitet,
nämlich der ewige Kreislauf von Leben und Tod.
Das afrikanisch geprägte Motiv
erklingt ein zweites Mal, als sich Simba dazu entschließt, sich
seiner Vergangenheit zu stellen und in seine Heimat zurück zu kehren.
Ich assoziiere es mit Hoffnung, Mut und Stärke. Am Ende des Films,
nachdem Simba seinen bösen Onkel Scar besiegen konnte und seinen
"Felsenthron" besteigt, leitet dieser Sound in den wiederholten
Teil des Titelsongs über. Damit schließt sich sowohl der
auditive, als auch der visuelle Kreis, da der Song den Beginn und das
Ende als Neuanfang affektive
Kongruenz unterstreicht. Zu Beginn des Films wird Simba als Baby
den versammelten Bewohnern des ‚geweihten Landes’ gezeigt.
In der Schlussszene passiert das gleiche mit dem Sohn von Simba und
Nala. Der Kreislauf des Lebens wird also visuell und mit dem Erklingen
von „The Circle of Life“ auch auditiv dargestellt. Der Zuschauer
empfindet das als ein zufriedenstellendes und hoffnungsvolles Ende.
Dieser Song verkörpert also nicht nur die Essenz des Films, sondern
rahmt ihn auch syntaktisch
ein.
Der Soundtrack
Auch die anderen Songs, die charakterisierend für dieses animierte
Musical sind und damit zur diegetischen
Musik gehören, wie beispielsweise „I Just Can’t Wait
to be King“ (Musik: Elton John, Text: Tim Rice, Produzent: Marc
Mancina), „Can You Feel the Love Tonight?“ (Musik: Elton
John, Text: Tim Rice, Produzent: Marc Mancina) und „Hakuna Matata“
(Musik: Elton John, Text: Tim Rice, Produzent: Mark Mancina/Jay Rifkin)
haben eine enorme affektive Wirkung auf den Zuschauer. Auf der Internetseite
http://www.lionking.org/sounds
kann man sich diese Songs anhören oder herunterladen.
Sie alle sind durch Polarisation
gekennzeichnet, weil wir die Bilder ohne diese Songs auch anders interpretieren
könnten. So könnten wir in der Szene am Wasserfall Simba und
Nala als bloße Freunde betrachten, die miteinander einfach nur
spielen und sich über ihr Wiedersehen freuen. Aber „Can You
Feel the Love Tonight?“ suggeriert uns eindeutig eine Liebesszene.
Außerdem erinnert sich vermutlich jeder an die einprägsamen,
emotionsgeladenen Melodien, allein durch die Nennung der Titel. Auch
ohne die Bilder verliert diese Source
Musik, bei der die Figuren singen und sich zu ihr bewegen, kaum
etwas von ihrem Reiz.
Wie schon erwähnt, erzählt der Song „Can You Feel the
Love Tonight?“, wie sich Simba und Nala ineinander verlieben und
er vermittelt eine romantische Stimmung.
Der Song „I Just Can’t Wait To Be King“ wiederum charakterisiert
den kleinen Simba als einen fröhlichen, wilden und liebenswerten
Prinzen, der endlich König sein will. Dementsprechend hört
sich auch die beschwingte Musik (aufgrund ihres mitreißenden Rhythmus,
des schnellen Tempo, hoher Tonlagen und vieler Tonlagenvariationen und
vieler Harmonien) an, die es uns ermöglicht, uns mit den beiden
Figuren Simba und Nala zu amüsieren.
Das Motto eines sorglosen Lebens von Timon und Pumbaa, die sich liebevoll
ihres neuen Freundes Simba annehmen, vermittelt uns das Lied „Hakuna
Matata“ auf unbeschwerte Weise. Der beschwingte, einfache Rhythmus
verleitet uns sogar beinahe dazu mitzusingen. Außerdem hilft die
Musik dabei, die gezeigte zeitliche Entwicklung von Simba auf dem Baumstamm
in einer einzigen Einstellung zu überwinden und sie als sinnvoll
anzunehmen, da durch sie die Zusammengehörigkeit des Visuellen
einleuchtend ist und uns auditiv sowohl durch die Melodie als auch durch
den Text auf eine bestimmte Zeitspanne hinweist. Die Musik verklammert
also diese Sequenzen und sie erleichtert uns das strukturelle Verstehen.
Die vielen Songs in „Der König der Löwen“, in
denen die Figuren singen und sich zu ihrem Rhythmus bewegen, erzählen
also nicht nur mit Hilfe des Textes die Story, sondern offenbaren uns
auch die Gefühle, Gedanken und Absichten der einzelnen Charaktere
und ermöglichen uns unter anderem durch ihre Melodik emotionale
Reaktionen.
Wie noch besonders bei der nondiegetischen Musik zu zeigen sein wird,
vermittelt Musik Emotionen der Figuren u. will Emotionen beim Zuschauer
auslösen!
Darüber hinaus bringen die Musicalszenen Schwung in die Geschichte,
strukturieren und treiben die Narration voran und unterhalten uns schlichtweg.
Diese Musik erfüllt also viele dramaturgische, expressive und syntaktische
Funktionen.
Ähnliches gilt natürlich auch für den zweiten Typ der
Musik in diesem Animationsfilm: der nondiegetische
Score Musik. Hier spielt besonders der emotionale Prozess der affektive
Kongruenz eine wichtige Rolle. Die Hauptfunktion der Hintergrundmusik,
der typischen Filmmusik, liegt in der Kommunikation von Gefühlszuständen
der Figuren und in der Erweckung von Emotionen bei den Zuschauern. Hans
Zimmer bemühte sich mit Hilfe von einem Orchester und dem afrikanischem
Chor musikalische Themen zu komponieren, die mit nur wenigen Noten ein
bestimmtes Gefühl transportieren können und unter die Haut
gehen. 
Scars Falle
Musikalisch interessant ist die Szene, in der Simba und letztendlich
auch Mufasa von dem hinterhältigen Scar in die Falle gelockt werden.
Sie ist in einer riesigen Schlucht situiert, die besonders durch Hall
und Adlerlaute charakterisiert wird. Die bedrohliche Gnuherde wird durch
schrille Violinentöne eingeleitet und dann von einem Zulu-Chor
und Trommeln aus Senegal, Burundi und Syrien begleitet. Da die Zulu
ein kriegerischer Stamm aus Südafrika sind, beschränkt sich
ihre Instrumentalität auf Schritte, Klatschen und Stimme. Der Sound
ist eine Mischung aus Musik und Geräuschen, die der rasenden Gnuherde
hervorragend entspricht. Weiterhin ahmt die Musik durch abfallende Töne
und hektischen Rhythmus die hinunterlaufenden Tiere nach. Ebenso verdoppeln
die Klaviertöne den Sturzflug von Zazu, dem gefiederten Berater
des Königs. Dies sind auffallende Beispiele für Underscoring,
ein weiteres typisches Element für nondiegetische Filmmusik.
Am Ende dieser Szene sucht Simba seinen Vater zwischen den flüchtenden
Gnus mit den Augen. Dies wird neben der stürmischen, hektischen,
bedrohlichen Musik der ganzen Szene zusätzlich mit einer sich wiederholenden,
beängstigenden, Tonhöhe ansteigenden Halbtonschrittfolge begleitet.
Man kann die Angst und Panik von Simba absolut mitempfinden. Dies wird
durch die Fokussierung seines subjektiven Hörfeldes (POA)
und subjektiven Gesichtsfeldes (POV),
verbunden mit Simba’s Closeup, noch verstärkt. Außerdem
suggeriert diese Tonfolge, meiner Meinung nach, einen objektiven
internen Sound innerhalb der Musik,
obwohl Simbas rasender Herzschlag und schnelle Atmung tatsächlich
nicht zu hören ist.
Mufasas Sterbeszene
Ein ebenfalls emotional starker Moment taucht in der nachfolgenden Sterbeszene
von Mufasa auf. Die meisten Zuschauer mussten dabei wahrscheinlich zum
Taschentuch greifen. Die Ursache dafür liegt in der Kombination
eines emotional geladenen Bildes und einem gefühlsmäßig
sehr intensiven Musikstücks. Beide zusammen intensivieren die Affektivität
derartig und lassen uns mit der jeweiligen Figur derart mitfühlen,
dass wir unsere Gefühle physisch zu spüren bekommen.
Beide der eben genannten Szenen, die ich im Folgenden kurz illustrieren
möchte stellen die hervorstechensten empathisch
Momente des gesamten Films dar.
Wenn Simba seinen toten Vater findet, ist zuerst alles still. Diese
Stille ist aufgrund
der vorhergehenden aufgeladenen Musik besonders auffällig. Sie
lässt die panische Hektik von uns und Simba abfallen, um bald darauf
die innere Leere von Simba darzustellen und Raum für seine überwältigende
Trauer zu schaffen. Leise, traurige Hintergrundmusik begleiten die verzweifelnden
Hilferufe, die nur in einem Echo widerhallen. Dies unterstreicht zuerst
die weite Schlucht, aber in der Bedeutung
zweiter Ordnung kommuniziert sie Einsamkeit und wir wissen, dass
keine Hilfe kommen wird. Der objektive
interne Sounds des Weinens und Schluchzens und die brechende Stimme
als subjektiver interner
Sound von Simba erhöht in hohem Maße unsere emotionale
Betroffenheit.
In der Musik ertönt etwas lauter das Leitmotiv
von Mufasa. Dies taucht schon vorher mit dem Erscheinen von Mufasa auf:
Es ist immer in Moll gehalten, vermutlich um auf sein tödliches
Schicksal hinzuweisen. Trotzdem ist es nicht tieftraurig, sondern eher
bedrückend, verheißungsvoll und durch teilweise hohe Frequenzen
und steigende Schlusstöne auch irgendwie hoffnungsvoll. Dasselbe
Motiv taucht nach Mufasas
Tod auf, als sich Simba an seinen Vater erinnert, als er von seiner
Mutter mit Mufasa verwechselt wird und schließlich als er selbst
zum König wird. Dies lässt mich schlussfolgern, dass es eher
das Leitmotiv des Königs ist, also nicht spezifisch das von Mufasa.
So wird es mit den Aufgaben eines Königs assoziiert, insbesondere
mit der Aufrechterhaltung des natürlichen Gleichgewichts. Dadurch
werden wieder die Grundthematik und die Grundstimmung des Films aufgenommen,
welche bereits durch „The Circle of Life“ etabliert wurden.
Die Kampfszene
In der Kampfszene zwischen Simba und Mufasa wird durch die Musik eine
aggressive, zerstörerische und spannungsgeladene Atmosphäre
übertragen. Zusätzlich verstärkt wird dies durch die
Materialklänge:
Feuer und Donner in Verbindung mit Blitz, Regen und Wind. Sie unterstreichen
die Actionsequenzen in dieser Showdownszene. Außerdem lässt
uns nur die Kontinuität
schaffende Musik die Kampfbewegungen in Zeitlupe akzeptieren und problemlos
in den Handlungsablauf einfügen. Genau genommen wird dadurch eine
besondere Dramatik geschaffen, obwohl wir wissen, dass Simba, als Identifikationsfigur,
gewinnen wird.
In dieser komponierten Filmmusik wird also hauptsächlich die Mood
- Technique verwendet, um die Stimmung der gesamten Szene zu kommunizieren,
aber auch die Leitmotivtechnik und die affektive Kongruenz.
Die Höhlenszene
Obwohl die Charaktere des Trickfilms sprechende Tiere sind, werden sie
als menschliche Figuren mit menschlichen Gefühlen behandelt. Ein
wichtiges Mittel dafür ist die synchrone Stimme, die der Figur
von Menschen verliehen wird und in diesem Fall zusätzlich auch
von Tieren (Löwengebrüll). Entscheidend ist auch die Sprechweise,
die zu der Persönlichkeit jeder Figur passen muss. So hat Scar
beispielsweise eine dunkle Stimme und zeichnet sich durch seinen Zynismus
aus. Zazu spricht übertrieben korrekt und aristokratisch, wie es
sich für einen königlichen, vorlauten Berater gehört.
Die Hyänen allerdings bekommen einen kichernden Sound, der ihren
realen Lauten aber sehr ähnelt. Ansonsten klingen sie eher wie
Hunde. Die Stimme hat im Trickfilm auf jeden Fall eine essentielle Funktion:
sie muss einer animierten Figur Leben einhauchen.
Außerdem müssen die Sounddesiger und Komponisten versuchen,
die Wahrnehmung dieser künstlichen Welt zu erweitern, indem sie
eine ganze Landschaft aus Lauten kreieren, in die die Zeichnungen passen
und in der die Figuren leben können.
Dies wird zum Beispiel in der Szene veranschaulicht, in der die drei
Hyänen Simba und Nala in die Ecke einer Höhle drängen.
Die räumlische
Tiefe wird unter anderem von dem Hall ihrer Stimmen und Tierlaute
erzeugt. Außerdem ist es ein schönes Beispiel für das
reale, aufgenommene Löwengebrüll, welches die Figuren ‚echter’
wirken lässt und im gesamten Trickfilm glaubwürdiger.
Andererseits, betont diese Szene durch Gimmicks
die komische Seite des Films. Die nussartigen Geräusche bei dem
Kopfschütteln oder als die drei ertappten Hyänen sich mit
einem pistolenschussartigen Sound aus dem Staub machen, sind typische
Beispiele. Auch in anderen Szenen werden diese Sounds angewendet, um
den Film aufzulockern und besonders unterhaltsam zu machen. Zum Beispiel
als Timon Pumbaa etwas ins Ohr brüllt und es wie in einer Höhle
hallt, das Kegelgeräusch als die beiden einige feindliche Hyänen
umrennen oder auch die Kampfgeräusche mit ihren Bangs und Gongs
bei Rafikis Karateschlägen.
Zusammenfassung
Zusammenfassend, setzt sich der komplexe Filmsound aus Klangobjekten
zur Materialisierung
und Vermittlung der Bedeutung
zweiter Ordnung, Orientierungslaut
und imitativer (nachahmender),
deskriptiver (beschreibender) und repräsentative (psychisch und
gefühlsmäßig übertragender) Musik zusammen. Die
wichtigsten Funktionen sind die Erschaffung einer glaubwürdigen
Welt, die Kommunikation von Gefühlen der Figuren und es muss dem
Zuschauer ermöglicht werden, sich emotional auf die Figuren einzulassen
und mit ihnen mitzufühlen, wenn sie das möchten.
Das schöne an Animationsfilmen ist jedoch, dass nichts unmöglich
ist und es keine Grenzen zum Erzählen einer Geschichte gibt. Der
Zuschauer kann alles erleben, was die Phantasie des Produktionsteams
eines Trickfilms hergibt. Aber das funktioniert nur durch die audiovisuelle
Synthese.
Film:
„Der König der Löwen“ 2-Disc Spezial Edition DVD:
Allers, Roger/Minkoff, Rob (Regisseure): Der König der Löwen.
USA. 1994
Weiterführender Link: http://www.lionking.org