4.8 Sound in Trickfilmen: Exemplarische Analyse von „The Lion King“ (1994)


ein beitrag von Constanze Albrecht

27.01.2005

 

In dem Animationsfilm „Der König der Löwen“ geht es um den kleinen Löwen Simba, dessen böser Onkel ihm den Mord an seinem Vater, dem König Mufasa, in die Schuhe schiebt. Daraufhin muss Simba das „geweihte Land“, sein Zuhause, verlassen und eine abenteuerliche Reise der Selbstfindung beginnt. Erst als Erwachsener kehrt er zurück, um seinen rechtmäßigen Platz als König zurück zu erobern.
In diesem Trickfilm spielt die Filmmusik eine übergeordnete Rolle, weshalb sie auch im Zentrum meines Essays steht.

Die Anfangssequenz


Der Film wird durch einen ungewöhnlichen "Ruf" und afrikanischen Stammesgesang eröffnet. Dies ist dem südafrikanischen Sänger und Songwriter Lebo M zu verdanken, welcher, zusammen mit einem afrikanischen Chor, für die afrikanischen musikalischen Einflüsse des gesamten Films verantwortlich ist. Dieser spezifische, territoriale Sound etabliert sofort das Setting Afrika. Außerdem wird der Sonnenaufgang musikalisch durch Undersoring unterstrichen. Die Musik und das Bild verleihen dem Film somit von Anfang an eine besondere landschaftliche Atmosphäre.
Noch bevor der Titel erscheint, gehen die afrikanischen Klänge beinahe nahtlos in den kraftvollen, emotionsgeladenen Song „The Circle of Life“ (Musik: Elton John, Text: Tim Rice, Produzent: Marc Mancina) über, welcher das Hauptthema des Trickfilms einleitet, nämlich der ewige Kreislauf von Leben und Tod.
Das afrikanisch geprägte Motiv erklingt ein zweites Mal, als sich Simba dazu entschließt, sich seiner Vergangenheit zu stellen und in seine Heimat zurück zu kehren. Ich assoziiere es mit Hoffnung, Mut und Stärke. Am Ende des Films, nachdem Simba seinen bösen Onkel Scar besiegen konnte und seinen "Felsenthron" besteigt, leitet dieser Sound in den wiederholten Teil des Titelsongs über. Damit schließt sich sowohl der auditive, als auch der visuelle Kreis, da der Song den Beginn und das Ende als Neuanfang affektive Kongruenz unterstreicht. Zu Beginn des Films wird Simba als Baby den versammelten Bewohnern des ‚geweihten Landes’ gezeigt. In der Schlussszene passiert das gleiche mit dem Sohn von Simba und Nala. Der Kreislauf des Lebens wird also visuell und mit dem Erklingen von „The Circle of Life“ auch auditiv dargestellt. Der Zuschauer empfindet das als ein zufriedenstellendes und hoffnungsvolles Ende. Dieser Song verkörpert also nicht nur die Essenz des Films, sondern rahmt ihn auch syntaktisch ein.

Der Soundtrack

Auch die anderen Songs, die charakterisierend für dieses animierte Musical sind und damit zur diegetischen Musik gehören, wie beispielsweise „I Just Can’t Wait to be King“ (Musik: Elton John, Text: Tim Rice, Produzent: Marc Mancina), „Can You Feel the Love Tonight?“ (Musik: Elton John, Text: Tim Rice, Produzent: Marc Mancina) und „Hakuna Matata“ (Musik: Elton John, Text: Tim Rice, Produzent: Mark Mancina/Jay Rifkin) haben eine enorme affektive Wirkung auf den Zuschauer. Auf der Internetseite http://www.lionking.org/sounds kann man sich diese Songs anhören oder herunterladen.
Sie alle sind durch Polarisation gekennzeichnet, weil wir die Bilder ohne diese Songs auch anders interpretieren könnten. So könnten wir in der Szene am Wasserfall Simba und Nala als bloße Freunde betrachten, die miteinander einfach nur spielen und sich über ihr Wiedersehen freuen. Aber „Can You Feel the Love Tonight?“ suggeriert uns eindeutig eine Liebesszene. Außerdem erinnert sich vermutlich jeder an die einprägsamen, emotionsgeladenen Melodien, allein durch die Nennung der Titel. Auch ohne die Bilder verliert diese Source Musik, bei der die Figuren singen und sich zu ihr bewegen, kaum etwas von ihrem Reiz.


Wie schon erwähnt, erzählt der Song „Can You Feel the Love Tonight?“, wie sich Simba und Nala ineinander verlieben und er vermittelt eine romantische Stimmung.
Der Song „I Just Can’t Wait To Be King“ wiederum charakterisiert den kleinen Simba als einen fröhlichen, wilden und liebenswerten Prinzen, der endlich König sein will. Dementsprechend hört sich auch die beschwingte Musik (aufgrund ihres mitreißenden Rhythmus, des schnellen Tempo, hoher Tonlagen und vieler Tonlagenvariationen und vieler Harmonien) an, die es uns ermöglicht, uns mit den beiden Figuren Simba und Nala zu amüsieren.
Das Motto eines sorglosen Lebens von Timon und Pumbaa, die sich liebevoll ihres neuen Freundes Simba annehmen, vermittelt uns das Lied „Hakuna Matata“ auf unbeschwerte Weise. Der beschwingte, einfache Rhythmus verleitet uns sogar beinahe dazu mitzusingen. Außerdem hilft die Musik dabei, die gezeigte zeitliche Entwicklung von Simba auf dem Baumstamm in einer einzigen Einstellung zu überwinden und sie als sinnvoll anzunehmen, da durch sie die Zusammengehörigkeit des Visuellen einleuchtend ist und uns auditiv sowohl durch die Melodie als auch durch den Text auf eine bestimmte Zeitspanne hinweist. Die Musik verklammert also diese Sequenzen und sie erleichtert uns das strukturelle Verstehen.
Die vielen Songs in „Der König der Löwen“, in denen die Figuren singen und sich zu ihrem Rhythmus bewegen, erzählen also nicht nur mit Hilfe des Textes die Story, sondern offenbaren uns auch die Gefühle, Gedanken und Absichten der einzelnen Charaktere und ermöglichen uns unter anderem durch ihre Melodik emotionale Reaktionen.
Wie noch besonders bei der nondiegetischen Musik zu zeigen sein wird, vermittelt Musik Emotionen der Figuren u. will Emotionen beim Zuschauer auslösen!
Darüber hinaus bringen die Musicalszenen Schwung in die Geschichte, strukturieren und treiben die Narration voran und unterhalten uns schlichtweg. Diese Musik erfüllt also viele dramaturgische, expressive und syntaktische Funktionen.
Ähnliches gilt natürlich auch für den zweiten Typ der Musik in diesem Animationsfilm: der nondiegetische Score Musik. Hier spielt besonders der emotionale Prozess der affektive Kongruenz eine wichtige Rolle. Die Hauptfunktion der Hintergrundmusik, der typischen Filmmusik, liegt in der Kommunikation von Gefühlszuständen der Figuren und in der Erweckung von Emotionen bei den Zuschauern. Hans Zimmer bemühte sich mit Hilfe von einem Orchester und dem afrikanischem Chor musikalische Themen zu komponieren, die mit nur wenigen Noten ein bestimmtes Gefühl transportieren können und unter die Haut gehen.

Scars Falle

Musikalisch interessant ist die Szene, in der Simba und letztendlich auch Mufasa von dem hinterhältigen Scar in die Falle gelockt werden. Sie ist in einer riesigen Schlucht situiert, die besonders durch Hall und Adlerlaute charakterisiert wird. Die bedrohliche Gnuherde wird durch schrille Violinentöne eingeleitet und dann von einem Zulu-Chor und Trommeln aus Senegal, Burundi und Syrien begleitet. Da die Zulu ein kriegerischer Stamm aus Südafrika sind, beschränkt sich ihre Instrumentalität auf Schritte, Klatschen und Stimme. Der Sound ist eine Mischung aus Musik und Geräuschen, die der rasenden Gnuherde hervorragend entspricht. Weiterhin ahmt die Musik durch abfallende Töne und hektischen Rhythmus die hinunterlaufenden Tiere nach. Ebenso verdoppeln die Klaviertöne den Sturzflug von Zazu, dem gefiederten Berater des Königs. Dies sind auffallende Beispiele für Underscoring, ein weiteres typisches Element für nondiegetische Filmmusik.
Am Ende dieser Szene sucht Simba seinen Vater zwischen den flüchtenden Gnus mit den Augen. Dies wird neben der stürmischen, hektischen, bedrohlichen Musik der ganzen Szene zusätzlich mit einer sich wiederholenden, beängstigenden, Tonhöhe ansteigenden Halbtonschrittfolge begleitet.
Man kann die Angst und Panik von Simba absolut mitempfinden. Dies wird durch die Fokussierung seines subjektiven Hörfeldes (POA) und subjektiven Gesichtsfeldes (POV), verbunden mit Simba’s Closeup, noch verstärkt. Außerdem suggeriert diese Tonfolge, meiner Meinung nach, einen objektiven internen Sound innerhalb der Musik,
obwohl Simbas rasender Herzschlag und schnelle Atmung tatsächlich nicht zu hören ist.

Mufasas Sterbeszene

Ein ebenfalls emotional starker Moment taucht in der nachfolgenden Sterbeszene von Mufasa auf. Die meisten Zuschauer mussten dabei wahrscheinlich zum Taschentuch greifen. Die Ursache dafür liegt in der Kombination eines emotional geladenen Bildes und einem gefühlsmäßig sehr intensiven Musikstücks. Beide zusammen intensivieren die Affektivität derartig und lassen uns mit der jeweiligen Figur derart mitfühlen, dass wir unsere Gefühle physisch zu spüren bekommen.
Beide der eben genannten Szenen, die ich im Folgenden kurz illustrieren möchte stellen die hervorstechensten empathisch Momente des gesamten Films dar.
Wenn Simba seinen toten Vater findet, ist zuerst alles still. Diese Stille ist aufgrund der vorhergehenden aufgeladenen Musik besonders auffällig. Sie lässt die panische Hektik von uns und Simba abfallen, um bald darauf die innere Leere von Simba darzustellen und Raum für seine überwältigende Trauer zu schaffen. Leise, traurige Hintergrundmusik begleiten die verzweifelnden Hilferufe, die nur in einem Echo widerhallen. Dies unterstreicht zuerst die weite Schlucht, aber in der Bedeutung zweiter Ordnung kommuniziert sie Einsamkeit und wir wissen, dass keine Hilfe kommen wird. Der objektive interne Sounds des Weinens und Schluchzens und die brechende Stimme als subjektiver interner Sound von Simba erhöht in hohem Maße unsere emotionale Betroffenheit.
In der Musik ertönt etwas lauter das Leitmotiv von Mufasa. Dies taucht schon vorher mit dem Erscheinen von Mufasa auf: Es ist immer in Moll gehalten, vermutlich um auf sein tödliches Schicksal hinzuweisen. Trotzdem ist es nicht tieftraurig, sondern eher bedrückend, verheißungsvoll und durch teilweise hohe Frequenzen und steigende Schlusstöne auch irgendwie hoffnungsvoll. Dasselbe Motiv taucht nach Mufasas Tod auf, als sich Simba an seinen Vater erinnert, als er von seiner Mutter mit Mufasa verwechselt wird und schließlich als er selbst zum König wird. Dies lässt mich schlussfolgern, dass es eher das Leitmotiv des Königs ist, also nicht spezifisch das von Mufasa. So wird es mit den Aufgaben eines Königs assoziiert, insbesondere mit der Aufrechterhaltung des natürlichen Gleichgewichts. Dadurch werden wieder die Grundthematik und die Grundstimmung des Films aufgenommen, welche bereits durch „The Circle of Life“ etabliert wurden.

Die Kampfszene

In der Kampfszene zwischen Simba und Mufasa wird durch die Musik eine aggressive, zerstörerische und spannungsgeladene Atmosphäre übertragen. Zusätzlich verstärkt wird dies durch die Materialklänge: Feuer und Donner in Verbindung mit Blitz, Regen und Wind. Sie unterstreichen die Actionsequenzen in dieser Showdownszene. Außerdem lässt uns nur die Kontinuität schaffende Musik die Kampfbewegungen in Zeitlupe akzeptieren und problemlos in den Handlungsablauf einfügen. Genau genommen wird dadurch eine besondere Dramatik geschaffen, obwohl wir wissen, dass Simba, als Identifikationsfigur, gewinnen wird.
In dieser komponierten Filmmusik wird also hauptsächlich die Mood - Technique verwendet, um die Stimmung der gesamten Szene zu kommunizieren, aber auch die Leitmotivtechnik und die affektive Kongruenz.

Die Höhlenszene

Obwohl die Charaktere des Trickfilms sprechende Tiere sind, werden sie als menschliche Figuren mit menschlichen Gefühlen behandelt. Ein wichtiges Mittel dafür ist die synchrone Stimme, die der Figur von Menschen verliehen wird und in diesem Fall zusätzlich auch von Tieren (Löwengebrüll). Entscheidend ist auch die Sprechweise, die zu der Persönlichkeit jeder Figur passen muss. So hat Scar beispielsweise eine dunkle Stimme und zeichnet sich durch seinen Zynismus aus. Zazu spricht übertrieben korrekt und aristokratisch, wie es sich für einen königlichen, vorlauten Berater gehört. Die Hyänen allerdings bekommen einen kichernden Sound, der ihren realen Lauten aber sehr ähnelt. Ansonsten klingen sie eher wie Hunde. Die Stimme hat im Trickfilm auf jeden Fall eine essentielle Funktion: sie muss einer animierten Figur Leben einhauchen.
Außerdem müssen die Sounddesiger und Komponisten versuchen, die Wahrnehmung dieser künstlichen Welt zu erweitern, indem sie eine ganze Landschaft aus Lauten kreieren, in die die Zeichnungen passen und in der die Figuren leben können.
Dies wird zum Beispiel in der Szene veranschaulicht, in der die drei Hyänen Simba und Nala in die Ecke einer Höhle drängen. Die räumlische Tiefe wird unter anderem von dem Hall ihrer Stimmen und Tierlaute erzeugt. Außerdem ist es ein schönes Beispiel für das reale, aufgenommene Löwengebrüll, welches die Figuren ‚echter’ wirken lässt und im gesamten Trickfilm glaubwürdiger.
Andererseits, betont diese Szene durch Gimmicks die komische Seite des Films. Die nussartigen Geräusche bei dem Kopfschütteln oder als die drei ertappten Hyänen sich mit einem pistolenschussartigen Sound aus dem Staub machen, sind typische Beispiele. Auch in anderen Szenen werden diese Sounds angewendet, um den Film aufzulockern und besonders unterhaltsam zu machen. Zum Beispiel als Timon Pumbaa etwas ins Ohr brüllt und es wie in einer Höhle hallt, das Kegelgeräusch als die beiden einige feindliche Hyänen umrennen oder auch die Kampfgeräusche mit ihren Bangs und Gongs bei Rafikis Karateschlägen.

Zusammenfassung

Zusammenfassend, setzt sich der komplexe Filmsound aus Klangobjekten zur Materialisierung und Vermittlung der Bedeutung zweiter Ordnung, Orientierungslaut und imitativer (nachahmender), deskriptiver (beschreibender) und repräsentative (psychisch und gefühlsmäßig übertragender) Musik zusammen. Die wichtigsten Funktionen sind die Erschaffung einer glaubwürdigen Welt, die Kommunikation von Gefühlen der Figuren und es muss dem Zuschauer ermöglicht werden, sich emotional auf die Figuren einzulassen und mit ihnen mitzufühlen, wenn sie das möchten.
Das schöne an Animationsfilmen ist jedoch, dass nichts unmöglich ist und es keine Grenzen zum Erzählen einer Geschichte gibt. Der Zuschauer kann alles erleben, was die Phantasie des Produktionsteams eines Trickfilms hergibt. Aber das funktioniert nur durch die audiovisuelle Synthese.

Film:

„Der König der Löwen“ 2-Disc Spezial Edition DVD:
Allers, Roger/Minkoff, Rob (Regisseure): Der König der Löwen. USA. 1994

Weiterführender Link: http://www.lionking.org


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