Musik und Emotion
Karin Weske
"Schatz, hör' doch, sie spielen unser Lied!" Dieser Satz ist wohl einigen bekannt, und sofort treten in uns Emotionen und Erinnerungen hervor, dieses Gefühl, das erste mal verliebt zu sein, oder die Erinnerung an den ersten Kuss...
Musik ermöglicht es, aufgrund ihrer Struktur, Beschaffenheit oder Aufführungsweise, in uns Emotionen hervorzurufen. Dabei können die Gefühle der Hörer höchst unterschiedlich sein. Woran liegt es also, ob eine bestimmte Musik eher traurig, fröhlich, aufmunternd, motivierend etc. stimmen kann?
Diese Frage soll unter anderem im folgenden erörtert werden. Da es sich allerdings um Gefühle handelt, kann es eine einzig richtige oder allumfassende Antwort auf diese Frage nicht geben.
Gefühle bergen Grundüberzeugungen von Menschen in sich. Das soziokulturelle Bewertungssystem differenziert diese durch Normen. Die Normen sind dem Konzertbesucher teilweise vorgeschrieben und liefern den Rahmen, den es einzuhalten und auszufüllen gilt (vgl. De La Motte-Haber).
In einem Aufsatz von Arnold (1960, in De La Motte-Haber) wird behauptet, daß alle Emotionen auf intuitiven Bewertungen beruhen. Die körperliche Erregung ist sekundär und bestimmt lediglich die Heftigkeit und Intensität des Erlebens. Musik als Sprache des Gefühls setzt eine Eindrucks-Ausdrucks-Verschränkung voraus; ohne geistige Interpretation fehlen die spezifischen Qualitäten eines Gefühls, ohne physische Erregung mangelt es an Intensität und Wärme.
Grundgefühle - musikalisch ausgedrückt
Die Verbindung eines Gefühls mit einem Ereignis erfolgt teilweise spontan, teilweise ist sie erlernt. Ein Individuum kann jedoch keine neuen, noch nie aufgetretenen Gefühlsqualitäten ausbilden. Musikalischer Ausdruck ist daher nur innerhalb gesteckter Grenzen nuancierbar. Der emotionalen Bedeutung von Musik haftet Nicht-Beliebiges und Nicht-Willkürliches an, sie verweist auf fundamentale, universelle, vor der Musik liegende Strukturen.
Nach der alten galenischen Temperamentslehre gibt es vier Grundgefühle: Freude, Trauer, Zorn, Gelassenheit, es fehlen Gefühle wie Überraschung, Erwartung, Furcht und Ekel. Trotz komplizierter Verschränkung von Ausdruck und Eindruck sind gewisse Hypothesen über die musikalische Beschreibung von Freude möglich. Spekulationen ergeben, daß vorwiegend negative Gefühle nicht musikalisch ausgedrückt werden können. Dennoch sind fast alle Grundgefühle musikalisch darstellbar. Die Parallelität zu den vier Tempocharakteren der klassischen Symphonie in Bezug auf Emotionen werden von De La Motte-Haber wie folgt charakterisiert:
- Allegro verweist auf die Dimension der Aktivität,
- Allegretto gracioso enthält Merkmale des Lustvoll - Angenehmen,
- Andante steht für Ruhe und Ausgeglichenheit,
- Adagio für Würde und Trauer.
Ausdrucksmuster lassen sich nach Helmut Rösing (vgl. Rösing, S. 579) in Verbindung mit artspezifischen menschlichen Verhaltensweisen interpretieren, sie scheinen interkultureller Natur zu sein. Es gibt zwei emotionale Bereiche, die in Musik immer wieder zum Ausdruck gebracht werden: Freude und Trauer. Freude und Trauer manifestieren sich in typischen Verhaltensweisen, Aktionen, Gesten und stimmlichen Äußerungen. Diese können mit Mitteln der Musik in ihrer Verlaufsform dargestellt, imitiert und vielfältig variiert werden. Musikalisch entsprechen dem Freudetyp schnelle (Presto), dem Trauertyp langsame Stücke (Adagio). Desweiteren gibt es emotionale Qualitäten wie Wut, Aggression, Machtgehabe, bzw. Zärtlichkeit und Liebe. Repräsentiert werden diese durch einerseits voluminöse, stark akzentuierte, bzw. zurückhaltende, gleichmäßig pulsierende Klangfolgen (Marschtypus bzw. Wiegenliedtypus).
Tiefergehende Untersuchungen auf diesem Gebiet führte auch Gerhart Harrer durch (vgl. Harrer, S.588-598). Seine Ergebnisse werden im folgenden Abschnitt vorgestellt:
Beziehung zwischen Musikwahrnehmung und Emotionen
Die zerebrale Verarbeitung bei musikalisch gebildeten Personen läuft anders ab, als bei musikalisch ungebildeten. Neben elektrophysiologischen Vorgängen des Musikerlebens sind auch Veränderungen der vegetativen Funktionen und Muskelaktivität zu beobachten.
Drei Arten des Musikerlebens wurden beobachtet:
Die motorische Einstellung
Der Hörer gibt sich ganz dem Musikerlebnis, Melodie und Rhythmus hin
Er reagiert automatisch in Form von Mitbewegen, also mit Muskulatur (motorisch),
drängt geistige Einflüsse weitgehend zurück
die meditative Einstellung
Die körperliche Beteiligung am Musikgeschehen wird bewußt oder unbewußt ausgeschaltet,
Musik wird als geistiges Erleben betrachtet
die bewußt aktive Einstellung
Musik wird nicht nur rational erfaßt und nachempfunden, sondern auch aktiv mitgestaltet
das führt zu Mitsingen oder Mitspielen
Körper und Geist sind am Musikerleben gemeinsam beteiligt
Die Entwicklung zu verschiedenen Hörtypen ist einerseits biologisch/ genetisch präformiert, andererseits von Musikerfahrungen und -gewohnheiten sowie von verschiedenen soziologischen und Persönlichkeitsfaktoren abhängig.
Emotionsbegriff
Emotionen können unsagbar vielseitig sein. Harrer stützt sich in seiner Arbeit auf die Klassifikation von Ewert (vgl. Harrer, S. 590). In dieser Klassifikation wird zwischen Gefühlsregung, Stimmungen und Erlebnisstörungen unterschieden. Gefühlsregungen lassen deutlich zeitliche Dynamik erkennen, sind akute oder aktuelle Zustände, flüchtige Episoden, die Figur - Charakter aufweisen. Die Gefühle beziehen sich immer auf Personen, Dinge oder Ereignisse. Stimmungen sind umfassende, diffuse, ungegliederte Gesamtbefindlichkeiten des Menschen, sie stellen eine Art Dauertönung eines Erlebnisfeldes dar. Stimmungen sind ungegliederter Hintergrund des Erlebens und beziehen sich nicht auf bestimmte Personen, Dinge und Ereignisse. Erlebnisstörungen sind emotionale Reaktionen auf Kognitionen, die einen relativ übergreifenden Grundcharakter aufweisen, von dem sich andere Bewußtseinszustände als Figur abheben.
Untersuchungen
Beim Musikerleben handelt es sich vor allem um Gefühlsregungen und Stimmungen. (vgl. Sloboda , 1991 in: Harrer, S 591) Um einen eventuellen Zusammenhang zwischen dem Hören und dem Erleben bestimmter Emotionen zu finden, wurden diverse Untersuchungen durchgeführt. In einer Studie von Sloboda wurden 83 Musikhörer befragt. 80% von ihnen gaben an, in den vergangenen fünf Jahren beim Hören von Musik vegetative Erscheinungen an sich beobachtet zu haben. Dies waren, in Reihenfolge der Häufigkeit: Schauer über den Rücken, Lachen, Kloß im Hals, Tränen, Gänsehaut, Herzjagen, Gähnen, Gefühle in der Magengrube. Tränen traten vor allem bei Passagen auf, die Sequenzen und Appogiaturen enthielten, Schauer bei Passagen mit neuen oder unerwarteten Harmonien.
Ein weiterer wichtiger Aspekt, um den Zusammenhang von Musik und Emotionen zu verdeutlichen ist die Zugangs- oder Hörweise des Rezipienten. Nach Graf (vgl. Harrer, S 593) kann hier ganz allgemein nach gewöhnlichem, sprachlichem und musikalischem Hören unterschieden werden.
gewöhnliches Hören: die Aufmerksamkeit ist auf die Schallqualität gerichtet. Das dient dem Abschätzen der eigenen Situation in der Umwelt.
sprachliches Hören: Die Aufmerksamkeit ist auf die Bedeutungsinhalte jenseits der Schallqualität gerichtet. Dies dient der verbalen Kommunikation.
musikalisches Hören: Die Aufmerksamkeit ist auf Schallqualität (Klangfarbe) und Bedeutungsinhalte (formale Struktur) gerichtet, welches der nonverbalen Kommunikation dient.
Graf bezeichnet Musik als abstrakteste aller Kunstgattungen; einerseits als abstrakt-logisch, andererseits als gefühlsintensivste Kunst (nach Motte-Haber 1985 in Harrer, S 593) ergeben sich zwangsläufig verschiedene Zugangsweisen zur Musik.
Besseler (1925) unterscheidet in ein stimmungshaftes Hören, ein Versinken in klangverhafteten Stimmungen, eine Hingabe mit dem Herzen an die Musik oder ein assoziatives Hören mit einem literarisch illustrativen Umdeuten musikalischer Bewegung. Im ersten Fall steht das stimmungshafte Aufgehen in der Musik mit weitgehender Ausschaltung des rationalen Denkens im Vordergrund. Im zweiten Fall dominiert das rationale Element: Der Hörer befindet sich in einer gewissen Distanz zur Musik, das Aufkommen von Emotionen ist unerwünscht (vgl. Harrer, 593).
Die klassische Zugangsweise zur Musik (nach Besseler) ist die aufgeschlossene Hingabe an das Werk. Dies wird erlebt als lebendige Wirkung, als Musik, die an die Seele greift und das Dasein des Hörers unmittelbar angeht. Die wesentliche musikalische Leistung des Hörers liegt im Nachvollziehen. Emotionale Zustände können einerseits die Wahrnehmung von Musik beeinflussen, andererseits die emotionalen Effekte von Musik beeinflussen (Pekrun 1985).
Beim Erleben von Musik wird in der Regel vermehrtes Denken emotionale Regungen unterdrücken, umgekehrt wird emotionales Mitschwingen und Betroffenheit die Bereitschaft zum vollen Wahrnehmen, in Bezug auf rational-analytische Hörweise vermindern.
Musikphysiologische Untersuchungen
Das Ausmaß der während des Musikhörens auftretenden vegetativen Veränderungen ist weitgehend von der aktuellen Einstellung des Hörers zum dargebotenem Musikstück abhängig. Die stärksten vegetativen Veränderungen wurden bei völliger Hingabe an die Musik beobachtet. Bei rein rationalem Zuhören oder Analysieren sind vegetative Veränderungen nur in geringem Maße nachweisbar oder fehlen ganz. Ereignisse und Vorgänge, die zur Auslösung von Emotionen führen, verlieren ihre Wirkung, wenn sie einer rationalen, analytischen Betrachtungsweise unterzogen werden. Analytische Auseinandersetzung und naives Auf-sich-wirken-lassen sind auch mit unterschiedlichen Gehirnvorgängen verknüpft. Beim aktiven Musizieren sind grundsätzlich stärkere vegetative Veränderungen zu beobachten als beim rezeptiven Musikhören.
Eine einzige Antwort auf die Frage nach den Wechselbeziehungen zwischen Musikwahrnehmung und Emotion kann es nicht geben. Art, Ausmaß und Richtung dieser Wechselbeziehungen sind in Abhängigkeit von zahlreichen Faktoren äußerst unterschiedlich. Von Bedeutung ist die Art, wie wir Musik hören und erleben. Das wird durch den Hörertypus, bestimmte Eigenschaften der Musik (Betonung von Rhythmus und Melodie, Struktur, Instrumentation, Bekanntheitsgrad...) sowie durch Hörgewohnheiten und kulturellen Hintergrund beeinflußt.
Beziehungen zwischen Musikwahrnehmung, Kognition und Emotion sind weitgehend von der Einstellung des Hörers abhängig, es bleibt also dem Hörer überlassen, ob er das Emotionale oder das Rationale in den Vordergrund stellen möchte.
Empirische Studien der emotionalen Reaktion auf Musik
(John A. Sloboda)
Ich saß in der Morgenversammlung in der Schule. Die Musik bildete einen Teil der Versammlung. Diese Musik war ein Klarinetten-Duett, klassisch, wahrscheinlich von Mozart. Ich war verblüfft von der Schönheit des Klanges. Es war so fließend, resonant, vibrierend. Es schien ein Prickeln in mir zu verursachen. Ich fühlte, daß dies ein entscheidender Moment für mich war. Dieser Musik zuzuhören veranlaßte mich, erst Flöte zu lernen, und dann danach zu streben, Klarinette spielen zu können. Wann immer ich Klarinetten höre, erinnere ich mich an die Faszination dieser ersten Erfahrung. (übers. Sloboda, S 33)
Sloboda nimmt diese Aussage zum Ausgangspunkt für eine Untersuchung. Gerade weil solche Erfahrungen weit verbreitet und offenbar eine gute Motivation sind, sich mit Musik zu beschäftigen, verdient die Untersuchung auf diesem Gebiet meiner Ansicht nach eine höhere Position in der Musikpsychologie als bisher.
Kognitive Zufriedenheit der emotionalen Erfahrung
Sloboda ließ 67 befragte Musikhörer ihre emotionalen Erfahrungen durch Musik beschreiben. Dabei bekam er zum Beispiel folgende Aussagen:
Musik entspannt mich, wenn ich angespannt und verärgert bin.
Man fühlt sich verstanden und getröstet in Schmerz, Sorgen und Verwirrung.
Durch das Hören von Emotionen in der Musik, besteht die Möglichkeit, zu fühlen, daß Emotionen geteilt werden und nicht die Last eines Einzelnen ist.
Musik motiviert und inspiriert mich, eine bessere Person zu sein.
Weitere Reaktionen bezogen sich auf die Verstärkung und Befreiung von existierenden Emotionen, zum Beispiel:
Musik befreit Emotionen (z.B. Traurigkeit), die sonst unterdrückt würden.
Musik hilft mir zu erkennen, was ich eigentlich fühle.
Musik läßt mich lebendiger fühlen, mehr ich selbst.
In einer Untersuchung bat Waterman (1990) 76 Studenten, auf einer Liste anzuzeigen, was sie bei der Musik empfunden haben. Die Liste enthielt 25 Worte und Phrasen, welche jeweils einem Emotionstyp aus der Theorie von Ortony, Clore & Collins entsprachen (siehe Tabelle 1). Die undifferenziertesten Emotionen traten auf bei der simplen Gewichtung auf positive oder negative Situationen. Waterman unterscheidet zwischen ereignisbezogenen, handlungsbezogenen und objektbezogenen Emotionen. Die ereignisbezogenen Emotionen sind "angenehm und unangenehm", die handlungsbezogenen Emotionen sind "anerkennen, bzw. nicht anerkennen", die objektbezogenen Emotionen sind "gefallen, bzw. nicht gefallen". Je mehr Variablen hinzugeführt werden, um so spezieller sind die Emotionen und um so spezieller die Situationen.
Waterman fand heraus, daß die meisten beschriebenen Emotionen nicht in eine dieser Kategorien fielen. Weniger spezifische Emotionen wie allgemein Freude wurden öfter erlebt als spezifische wie Resignation. Es zeigten sich verschiedene Formen interpersonaler Variabilität:
Ein und dasselbe Musikstück kann unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden.
Eine Musikpassage kann bei einem Hörer eine ereignisbezogene Emotion wie Traurigkeit hervorrufen, dieselbe Passage kann bei einem anderen Hörer eine handlungsbezogene Emotion wie Dankbarkeit hervorrufen.
Eine andere Möglichkeit der Variabilität ist gegeben, wenn die vorherrschende Stimmung des Hörers nicht mit dem starken emotionalen Erleben eines Musikstücks übereinstimmt.
Zusammenfassung
Musik ist eine der schönsten Arten, Gefühle auszudrücken und zu erleben. Musik hören ohne dabei bestimmte Emotionen zu empfinden, gibt es wohl nicht, genau wie ein Bild oder ein anderes Kunstwerk in uns Gefühle weckt.
Ob und welche Emotionen in uns angeregt werden, ist von der Situation, der Verfassung, den Umständen und der Grundstimmung des Hörers abhängig. Musikpsychologische Forschungen lassen bis lang nur überraschend wenig Regelhaftes im emotionalen Erleben von Musik erkennen. Ein bestimmtes Musikstück kann von dem einen als fröhlich, motivierend, von einem anderen aber gleichzeitig als eher traurig und deprimierend eingeschätzt werden. Gefühlsreaktionen sind so individuell, wie der Mensch selbst. Gerade das macht Musikhören und -empfinden so einzigartig.
Maxime der französischen Enzyklopädisten: Musik, die nichts schildert, ist reiner Lärm.
Literatur:
Rösing, Helmut: "Musikalische Ausdrucksmodelle" in: Bruhn, H., Oerter, R., Rösing, H. (Hg.): Musikpsychologie. Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg. 1993, S. 579-588
Harrer, Gerhart: "Beziehung zwischen Musikwahrnehmung und Emotionen". in ders., S. 588-599
Sloboda, John A.: "Empirical Studies of Emotional Response to Music". in: Riess, M. and Holleran, S.: Cognitive Bases of Musical Communication. Washington, 1992. S. 33-48
de la Motte-Haber, Helga: "Handbuch der Musikpsychologie". Laaber 1985. S. 70-97