Ingrid Brück, Andrea Guder, Reinhold Viehoff, Karin Wehn
Der deutsche Fernsehkrimi.
Eine Programm- und Produktionsgeschichte von den Anfängen bis heute. Stuttgart: Metzler 2003.
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Klappentext
Die spannende Geschichte des deutschen Fernsehkrimis. Mit ausführlichem Überblicksteil.
Der Krimi im deutschen Fernsehen - das bedeutet rund 50 Jahre Fernsehgeschichte im Spiegel eines Genres. Es ist die Geschichte von Fernsehorganisation, -technik, und -ästhetik sowie von Produktionsbedingungen und deren Auswirkungen auf die 'Konstruktion krimineller Wirklichkeit'. Und es ist eine Geschichte der Einbettung von Mord und Totschlag in die visuelle Ästhetik, in die Medien und in die Kultur unserer Gesellschaft. Neben der geschichtlichen Gesamtdarstellung enthält das Buch 'Steckbriefe' mit Daten zu den wichtigsten Serien und Reihen, chronologische Überblickstabellen der Krimireihen und -serien von 1952 bis 2002 sowie eine umfassende Bibliographie.
Über die Autoren
Ingrid Brück, Andrea Guder und Karin Wehn haben über den Fernsehkrimi
promoviert. Ingrid Brück ist und Andrea Guder war Wissenschaftliche Mitarbeiterin
an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Karin Wehn ist Wissenschaftliche
Mitarbeiterin an der Universität Leipzig. Reinhold Viehoff ist seit 1995
Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg.
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Vorwort
Der Fernsehkrimi war schon immer für Schlagzeilen gut: In den 50er und 60er Jahren fegten STAHLNETZ-Folgen und DURBRIDGE-Mehrteiler mit Einschaltquoten von bis zu 80 Prozent die westdeutschen Straßen leer. „Millionen von dem ‚Halstuch’ gefesselt“ titelte die Frankfurter Rundschau am 17.1.1962, nachdem die letzte Folge des Mehrteilers DAS HALSTUCH über den Sender gegangen war. In der DDR wurden in den 60er Jahren das kriminologische Fernsehspiel DER STAATSANWALT HAT DAS WORT und in der 70er Jahren der Gegenwartskriminalfilm POLIZEIRUF 110 von der Staatsführung als wirksame Mittel erkannt, die eigenen Zuschauer an der allabendlichen Flucht ins Fernsehprogramm des kapitalistischen Gegners zu hindern. POLIZEIRUF 110 wird in der Rückschau von seinen Produzenten und von seinen Kritikern als „Refugium für Gegenwartsdramatik“ bezeichnet, dessen Geschichten einen Blick auf DDR-Alltag und mitunter subtile Sozialkritik ermöglichten. Die Krimireihe ist neben der Kindersendung SANDMÄNNCHEN die einzige fiktionale Sendung aus dem DDR-Fernsehen, die auch im bundesweiten Fernsehprogramm erfolgreich überlebt hat. In den 80er Jahren rüttelte ein ‚Ruhrpottprolet’ am Bild des Fernsehkommissars als Saubermann der Nation: der ‚Schmuddelkommissar’ Schimanski. Als SAT.1 im Winter 1995/96 mit seinen eigenproduzierten Krimis Quote machen wollte, wusste der Sender, wogegen es anzukämpfen galt: „Verlassen Sie den Tatort, jetzt kommt das Schwurgericht“, lautete die Parole einer Werbekampagne.
Der Krimi machte Furore, schon zu Zeiten, in denen das Angebot noch vergleichsweise übersichtlich war. Der Boom kam jedoch erst in den 90er Jahren. An einem ganz normalen Wochentag, sagen wir dem 16. April 1998, um 20 Uhr 15 konnte zwischen etlichen Krimis gewählt werden: Im ZDF lief die Gerichtsserie DER LETZTE ZEUGE, bei RTL die Action-Serie ALARM FÜR COBRA 11, bei SAT.1. ZUGRIFF, ebenfalls Action, auf Kabel 1 der gute alte EDGAR WALLACE: DER MÖNCH MIT DER PEITSCHE, der WDR offerierte eine TATORT-Wiederholung und der Bayrische Rundfunk eine Folge des Dreiteilers DIE FRAU IN WEISS. In Einzelfällen konkurrierten fünf oder sechs televisuelle Kriminalsujets in Form von Erstausstrahlungen oder Wiederholungen zur gleichen Zeit um die Gunst der Zuschauer. Ungeachtet dieser Masse führen deutsche Fernsehkrimis die jährlichen Quoten-Hitparaden an, überrundet allenfalls von Nachrichtensendungen und der Übertragung von Fußballspielen.
Für seltene Experimente wie den interaktiven Fernsehfilm MÖRDERISCHE ENTSCHEIDUNG – UMSCHALTEN ERWÜNSCHT, 1991 zeitgleich von ARD und ZDF ausgestrahlt, wurde nicht zufällig eine Krimihandlung gewählt. Die Einstellung von DERRICK – einer „Leidenschaft für das Mittelmaß“, wie Umberto Eco meint – löste 1998 europaweit volkstrauerähnliche Zustände aus. Sprichwörtlich ist die angeblich nie gefallene Aufforderung des Oberinspektors geworden: „Harry, hol schon mal den Wagen“. Egal, DERRICK ist Kult – sogar bei den jüngeren Zuschauern. Ganz handfest sind dagegen die Auswirkungen der Serie KOMMISSAR REX: Hundehütten und Hundekrankenversicherungen als Merchandising-Produkte.
Das Verdienst, ein Familien zusammenführendes und Generationen übergreifendes Sonntagabend-Ritual evoziert zu haben, gebührt dagegen dem TATORT und seiner über 30-jährigen Geschichte. Zum erklärten Vorbild der Lesben- Szene avancierte gar Ulrike Folkerts, Darstellerin der TATORT-Kommissarin Lena Odenthal.
Ob Kalter Krieg oder postmodernes „anything goes“ - Fernsehkrimis spiegelten zu allen Zeiten das gesellschaftliche Klima wider, in dem sie entstanden. Sie trugen dazu bei, das Vertrauen in den Staat zu stärken oder jenes zu untergraben. Mit dem Etikett ‚Realismus’ versehen, wog umso schwerer, was sie zeigten. Das Behältnis Krimi war zwar höchst unterschiedlich gefüllt – das Potenzial, Politiker, Lehrer, Polizisten oder einfach Durchschnittszuschauer zu empören, hat es nahezu immer. Wütende Proteste gehören streckenweise zum Alltag der zuständigen Redaktionen. Beschwerden über unsachgemäße Darstellung polizeilichen Alltags offenbaren das grundlegende Missverständnis ebenso wie gut gemeinte Empörung über die Rolle eines geistig behinderten Verdächtigen. Das Missverständnis nämlich, dass der Krimi das wirkliche Leben abbilde. Das hat er nie getan, allerdings hat er oft so getan, also ob er es tue.
Solche und viele weitere Gründe waren der Motor für uns, die Geschichte des Fernsehkrimis in Ost-, West- und Gesamtdeutschland im Kontext seiner jeweils systemspezifischen Rahmenbedingungen einmal ausführlich darzustellen. Dabei haben wir uns auf den Teil des Programms beschränkt, den man als Mehrteiler, Reihe oder Serie ansehen kann und der entsprechend produziert, ausgestrahlt und angeschaut wurde. Wir hoffen, dass wir alle übergreifenden Traditionen so gut berücksichtigt haben, dass unsere „Geschichte des deutschen Fernsehkrimis“ für alle connaisseurs damit vereinbar und für alle anderen Leser informativ, aufklärend und – im besten Fall – sogar spannend ist.
Das Buch ist für alle gedacht, die gerne Krimis im Fernsehen anschauen, besonders natürlich für diejenigen, die nicht nur wissen wollen, wer der Mörder ist. Für Medien- und Kommunikationswissenschaftler sollte das Buch ebenso interessant sein, wie für diejenigen in den Rundfunksendern, Firmen und Studios, die täglich aufs Neue Krimis produzieren.
Auf der website (http://www.medienkomm.uni-halle.de/krimi/), die wir schon lange vor diesem Buch eingerichtet haben, um den Fernsehkrimi als Thema im Netz zu verankern, möchten wir gerne mit interessierten Lesern in einen Dialog eintreten und da weitermachen, wo dieses Buch erst einmal aufhört. Dort können Sie neue Fälle aufwerfen, alte Fälle wieder neu aufrollen, neue Fäden spinnen, Indizien zusammentragen...
Wir freuen uns, mit diesem Buch auch unserem Förderer Dank sagen zu können: der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die uns mehrere Jahre lang die gemeinsame Projektarbeit zum deutschen Fernsehkrimi ermöglicht hat. Das vorliegende Buch ist eines der Ergebnisse dieses gemeinsamen Projekts, das ohne die Hilfe anderer neben weiteren Forschungen und neben der Lehre an der Universität kaum zu einem guten Ende gekommen wäre. Wir danken deshalb allen, die uns dabei unterstützt haben. Einige können wir nur allgemein nennen: das Deutsche Rundfunkarchiv in Frankfurt und Potsdam, die Rundfunkanstalten und - sender und die Redaktionen, die uns unterstützt haben. Wir danken den Regisseuren, Dramaturgen und Drehbuchautoren, die uns bereitwillig ihre knappe Zeit zur Verfügung gestellt haben. Ohne die mahnende Geduld des Verlages und vor allem unserer Betreuerin, Ute Hechtfischer, könnte jetzt niemand das Buch in Händen halten. Ohne die Langmut und Perfektion von Eckehard Wehling, der Layout und Satz einrichtete und immer wieder nach unseren Wünschen verändern musste, wäre das Buch ein Manuskript geblieben. Wir danken Susanne Hübner und Claudia Kusebauch für geduldiges und penibles Korrekturlesen. Für langwierige und manchmal schier endlos erscheinende Recherche- und Archivierarbeit danken wir unseren studentischen Hilfskräften, derer uns im Laufe der Jahre etliche begleitet haben, besonders treu waren uns Eberhard Keller, Mike Wittenbecher, Elke Steinweg, Burkhard Raue und Florian Hartling.
Zum guten Schluss: Wir widmen das Buch unserer Freundschaft, die trotz hitziger Diskussionen, unterschiedlicher Deutungen und Verhandlungen aller Art an diesem Buch noch gewachsen ist.
Ingrid Brück, Andrea Guder, Reinhold Viehoff und Karin Wehn Halle, Leipzig, Siegen im Juli 2003
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
I. Einleitung
1. Eine Geschichte des Krimis im
deutschen Fernsehen
1.1 Fernsehen als politisches Machtinstrument
1.2 Fernsehen als Kulturgut
1.3 Fernsehen als Ware
1.4 Die Faszination des Fernsehkrimis –
für die Zuschauer und die Wissenschaft
II. Der Krimi im Staatsfernsehen der
DDR
1. Rahmenbedingungen der Krimiproduktion
und -distribution in der DDR
1.1 Langeweile des Programms
1.2 Der Krimi und das Staatsfernsehen der DDR
1.3 Der Fernsehkrimi und das Verbrechen im Sozialismus
1.4 Zuschauerforschung für die Planung des Programms
2. Die ersten Krimireihen in den 50er Jahren
2.1 Kriminalfernsehspiele
2.2 Pitavalgeschichten
2.3 Blaulicht
3. Kurze Krimireihen der 60er und 70er Jahre
3.1 Kriminalfälle ohne Beispiel
3.2 Drei von der K
3.3 Zollfahndung
3.4 Täter unbekannt
4. Der Staatsanwalt hat das Wort
4.1 Kriminalitätsbekämpfung mit künstlerischen Mitteln
4.2 Gesellschaftlicher Partner: Staatsanwalt Przybylski
4.3 Schädigung sozialistischen Eigentums und andere Verfehlungen
4.4 Von Egoismus und Bereicherungssucht
4.5 Der Konfliktfall „Risiko“
5. Polizeiruf 110
5.1 Entstehung des Sozialistischen Kriminalfilms
5.2 Ermittler-Kollektiv als zentrale Fahndungsgruppe
5.3 Verdeckte versus Offene Täterführung
5.4 Gewaltverbrecher mit ideologisch-moralischen Defiziten
5.5 Alkoholmissbrauch und kleinbürgerliche Positionen
5.6 Produktionsabläufe
5.7 Gesellschaftlicher Partner: Ministerium des Inneren
III. Der Fernsehkrimi im öffentlich-rechtlichen
Rundfunksystem bis 1984
1. Rahmenbedingungen der Krimiproduktion
und -distribution
1.1 Etablierung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens
1.2 Was ist Fernsehen?
1.3 Sendestart des ZDF
1.4 Film im Fernsehen
1.5 Fernsehspiel
1.6 Serien
2. Fernsehkrimis in den 50er Jahren
2.1 Ansätze zu serieller Präsentation
2.2 Stahlnetz
2.3 Dubridge-Mehrteiler
3. Die ersten Krimireihen des ZDF
3.1 Krimis in den 60er Jahren
3.2 Das Kriminalmuseum
3.3 Die Fünfte Kolonne
4. Die erste Krimiserie
4.1 Der Kommissar
5. Etablierung der ‘Dauerbrenner’
5.1 Tatort
5.2 Derrick
5.3 Der Alte
6. Aufbruch zu neuen Ufern
6.1 Schimanski und seine Vorgänger
6.2 Ein Fall für Zwei
6.3 Schwarz Rot Gold
IV. Der Fernsehkrimi im Dualen Rundfunksystem
1. Rahmenbedingungen der Krimiproduktion
und -distribution
1.1 Vom öffentlich-rechtlichen Monopol zur Marktkonkurrenz
1.2 An Zuschauerpräferenzen orientierte Programmplanung
1.3 Zunahme an Unterhaltungsproduktionen
1.4 Formatierung der Programme
1.5 Anforderungen an Fernsehkrimis
2. Vorbereitung auf die Konkurrenz
2.1 Eurocops
2.2 Die Harmonisierung des ARD-Vorabend-Programms
2.3 Peter Strohm
2.4 Neue Frauentypen: TATORT-Kommissarin Lena Odenthal
2.5 Reflexion der deutschen Wiedervereinigung
2.6 Einführung von Wiederholungssendeplätzen
2.7 Interaktive Experimente
3. Die ostdeutsche Krimitradition:
Vom Sozialismus in die Marktwirtschaft
3.1 Die DDR-Krimi-Reihen
zwischen Herbst 1989 und Ende 1991
3.2 Polizeiruf 110 gesamtdeutsch: 1993 bis heute
3.3 Die Tatorte vom MDR
4. Die frühen Fernsehkrimis bei den Privaten
4.1 SAT.1
4.2 Off-Air-Promotion bei Fernsehkrimis
4.3 RTL
4.4 Pro Sieben
4.5 ARD-Gemeinschaftsredaktion für das Hauptabendprogramm
4.6 Ausbau des Sonntagabend in der ARD zum Krimi-Sonntag
4.7 Der „Samstagskrimi” des ZDF
4.8 Fernsehkrimis und neue Werbeformen
5. Programmierungsstrategien bei Fernsehkrimis
5.1 Programmierung fehlgeschlagen
5.2 Amerikanische Vorbilder
5.3 Jugendorientierung
5.4 Werbepausen und Übergänge
5.5 Vorabendserien der Öffentlich-Rechtlichen
5.6 Action
5.7 Cross Promotion
5.8 Die Straßen von Berlin
5.9 Der Spagat um Persönlichkeitsrechte
5.10 Neue Abspielkanäle
5.11 Neue Finanzierungsmodelle bei der Produktion
5.12 Product Placement
5.13 Erneuerung des ZDF-Freitagskrimis
5.14 Export von Fernsehkrimis
5.15 Berlin als Krimihauptstadt
5.16 Die Helicops
5.17 Paranormale Phänomene
5.18 Spin-Offs
5.19 Sättigung und Marktbereinigung
6. Tendenzen der Genreentwicklung der 90er Jahre
V. Anhang
1. Literatur
2. Aktenbestand Deutsches Rundfunkarchiv
3. Interviewpartner
4. Seriographie
5. Register der Serien, Reihen und Mehrteiler
6. Namensregister
7. Bildquellen
Rezensionen
Brill, Olaf 01/01/2004:
http://www.filmhistoriker.de/magazine/brueck_fernsehkrimi.htm
Prof. Dr. Hickethier, Knut 08/07/2004:
http://iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/Hickethier3476018032_802.html
Ein Projekt des Instituts für Medien, Kommunikation & Sport, Dept. MuK, Halle (Saale)
URL: http://www.medienkomm.uni-halle.de/krimi/theorie/buecher/metzler.shtml
Letzte Aktualisierung: 11.05.2005

